Krieg und Frieden

Eine Reise mit der transformierenden Kraft der Farben

In unseren Frauengruppen und in der Wildnis Gruppe ist Körpermalerei ein Instrument, welches Themen sichtbar macht und dabei hilft, diese zu transformieren.

In unserer letzten Frauengruppe im Dezember – wir gehen als Leiterinnen zuerst einmal selbst durch unsere eigenen Themen – haben wir uns den Schattenthemen gewidmet.

Ich war in der letzten Zeit mit dem Thema Vergebung beschäftigt. Als Menschen kommen wir manchmal im Leben in Situationen, in die wir ungewollt hineingeraten sind, und in denen wir Dinge tun, die wir möglicherweise später bereuen. Mir ist in meinem Leben mehr als einmal körperliche Gewalt begegnet. Davon war ich noch lange traumatisiert. In meinem Heilungsprozess ging es darum, Verantwortung zu übernehmen und zu sehen: ich bin die Ursache davon, dass mir Gewalt begegnet ist. Ich stieß dabei auf Schuldgefühle, durch die ich unbewusst Menschen eingeladen hatte, mich zu bestrafen. Ich hatte mir diese Situationen selbst kreiert.

Ich forschte weiter und mir wurde klar, dass in unserer Familie Missbrauch ein Thema war. In meiner Not, weil ich mich nicht genug gesehen und geliebt fühlte, entwickelte ich als heranwachsendes Mädchen die Strategie, durch mein „sexy sein“ Aufmerksamkeit von meinem Vater zu bekommen. So hatte ich gewissermaßen eine sexuelle Liebesbeziehung zu meinem Vater, auch wenn es – jedenfalls habe ich daran keine Erinnerung – nie zu einem Vollzug gekommen ist. Aber die Energie war da – und das war etwas „Verbotenes“, das sich nicht richtig anfühlte. Es war mit Scham verbunden – aber es gab mir Macht. Es kostete mich die Beziehung zu meiner Mutter, denn wir waren nun Konkurrentinnen. Es war ein großer Schritt, mich in dieser Geschichte als Täterin zu erkennen, nicht als Opfer, und mir selbst zu verzeihen.

Nun ging es auch noch darum, mir selbst als Mutter zu verzeihen. Ich habe zwei Söhne geboren, Adrian und Moritz. Moritz, der Jüngere, starb im Alter von knapp 3 Jahren an Meningokoggen-Meningitis – plötzlich und unerwartet. Als mein älterer Sohn Adrian 5 Jahre alt war, trennte ich mich von seinem Vater.

Als alleinerziehende Mutter fühlte ich mich oft überfordert. Es gab Situationen, in denen ich mich meinem Sohn gegenüber auf eine Art und Weise verhalten habe, für die ich mich immer noch schuldig fühlte.

Im letzten Jahr hatte ich eine schwere Operation, mir wurde ein Adenom aus dem Zwölffingerdarm entfernt, und es wurde darin eine Mini-Krebs-Zelle gefunden, 2 mm groß im Anfangsstadium. Der Krebs ist entfernt, aber es scheint so, dass dadurch alte Themen, die ich bisher unterdrückte, noch einmal zum Vorschein kamen und „erlöst“ werden wollten.

Krebs ist eine Form von Selbstzerstörung, Krieg gegen den eigenen Körper. So hatte ich den dringenden Wunsch, mir selbst zu vergeben, als erwachsene Frau und als Mutter, für alles was ich mir selbst und anderen angetan hatte. Ich wollte Frieden finden.

Vor kurzem war mir das Buch von Claude AnShin Thomas, „Am Tor zur Hölle, Der Weg eines Soldaten zum Zen-Mönch“, in die Hände gefallen. Es ist die Geschichte eines Vietnam Veteranen, der als 17-Jähriger Soldat wurde und im Vietnam Krieg gekämpft hat. Er ist verantwortlich für den Tod von Hunderten von Menschen und hat Schreckliches erlebt.

Er beschreibt in dem Buch sehr anschaulich die Mechanismen des Krieges und wie er selbst für sich Frieden gefunden hat. Ich dachte, wenn ein Mann es schafft, mit dieser Geschichte Frieden für sich zu finden, dann schaffe auch ich, mir zu vergeben.

So war das Thema Krieg, Hass, Zerstörung und Gewalt als Thema sehr präsent, als es in unserer Frauengruppe darum ging, den Schatten zu benennen, mit dem ich arbeiten wollte. Wo ist Krieg, Hass, Zerstörung und Gewalt in mir? Durch die Gesichtsbemalung konnte dies sichtbar und fühlbar gemacht werden.

Die anderen beiden Frauen (wir waren zu dritt) wählten ihre Themen. Wir waren bereit, unsere Schatten zu konfrontieren und haben uns gegenseitig die Gesichter bemalt. Dann kam der Moment, in dem jede von uns sich selbst im Spiegel anschaute.

Es war schrecklich für mich, Krieg, Hass, Gewalt und Zerstörung ins Gesicht zu blicken. Die Gefühle, die hochkamen, waren intensiv. Ich konnte die Kälte spüren, den Schrecken, die Starre, die Gnadenlosigkeit, die Hoffnungslosigkeit, das Gefühl von Getrennt Sein.

Wir gingen mit unseren bemalten Gesichtern ins Bett. (Die Farben, die wir bei der Körperbemalung verwenden, sind körperfreundlich und hautverträglich.) Es ist heilsam, die Tiefe der Gefühle vollständig zuzulassen, nur dann können sie sich erlösen. So bin ich bewusst mit dem Bild des Krieges im Gesicht schlafen gegangen.

Am Morgen wuschen wir uns vor dem Frühstück die Farbe aus den Gesichtern. In der Morgensession behandelten wir uns gegenseitig mit Tibetan Pulsing. Mit dieser uralten Heilmethode wird durch Körperkontakt und Verbindung mit dem Pulsschlag das Nervensystem von Spannungen gereinigt. Das System erfährt tiefe Entspannung.

Nun folgte am Nachmittag die Ganzkörperbemalung. In einem Ritual wurden die Energien der vier Himmelsrichtungen eingeladen: Den Süden für das Kindliche, das Sinnliche, die Natur, das Wasser, die Gefühle, die Liebhaberin. Den Norden für die Kraft des Windes, die Klarheit, die Verantwortung, das Erwachsen Sein. Der Westen für die Erde, die Dunkelheit, die Schwierigkeiten, die Pubertät, die Herausforderungen. Der Osten für das Feuer der Transformation, für die Kraft der Sonne, für die Weisheit und das Alter.

Tanzend begannen wir, uns den Farben anzunähern, die in der Mitte ausgebreitet waren. Das waren jetzt die Flüssigfarben, die man wie eine zweite Haut mit der Hand auf den eigenen Körper auftragen kann. Durch Tanz und Atem, durch das rituelle Verbinden mit den Energien, begaben wir uns in eine andere Wahrnehmungsebene, in der die Intuition wach ist.

Du spürst, zu welcher Farbe du dich am meisten hingezogen fühlst. Das Fläschchen mit der Farbe deiner Wahl bleibt zunächst in deiner Hand und wird beim Tanzen kräftig geschüttelt, damit die Pigmente gut vermischt werden. Dann beginnst du, die Farbe auf den ganzen Körper aufzutragen. Du tauchst ein in die Energie deiner Farbe und fängst an, damit zu spielen und zu tanzen. Es gibt einen Spiegel, in dem du deine Verwandlung betrachten kannst. Wenn die Grundierung gelegt ist, können noch andere Farben dazukommen, Verzierungen, Muster – ganz nach deinen Impulsen.

Mich zog es zu einem leuchtenden Gelborange, welches ich dann noch mit Bronze ergänzte. Es folgten Muster mit Rosa und Lila. Ich verwandelte mich in eine Lichtgöttin, in Aphrodite. Nachdem ich so tief in die Dunkelheit getaucht war, schien nun das Licht noch stärker in mir Leuchten zu wollen. Ich war die Verkörperung der Sinnlichkeit, der Liebe in der höchsten Form, stolz und mächtig, frei von Schuld und Scham.

Diese Kraft habe ich mitgenommen in meinen Alltag. Ich habe den Krieg transformiert in die Liebe, denn ich weiß, dass ich all das bin. Ich bin mit allem verbunden, was ist. Solange ich andere verurteile, trenne ich mich von ihnen und bin im Krieg. Wenn ich mich selbst verurteile, bin ich im Krieg und zerstöre mich selbst. Wenn ich erkenne, dass ich auch der Andere bin, nicht getrennt, bin ich in Frieden. Wenn ich Verantwortung übernehme für mein gesamtes Leben und erkenne, dass ich Schöpfer bin, bin ich in Frieden. Ich bin in Kontakt gekommen mit der allumfassenden, bedingungslosen Liebe, aus der heraus Vergebung geschieht. Die Farben haben diesen Prozess fühlbar und lebendig gemacht.

Sarasa, 15.12. 2019