Was ist Tiefenökologie?

(weitgehende Textübernahme von WIKIPEDIA)  

Tiefenökologie (englisch: deep ecology) ist eine ganzheitliche Umwelt- und Naturphilosophie, welche die naturwissenschaftliche Ökologie mit ethisch-spirituellen Wertefragen verbindet und das politische Engagement für einen nachhaltigen, basisdemokratischen, emanzipatorischen Kulturwandel auf ein breiteres Fundament stellen will. Tiefenökologie betont die enge Verflechtung und gegenseitige Abhängigkeit zwischen Natur- und Menschenwelt und plädiert dafür, den dualistischen Begriff der ‚Umwelt‘ durch den Begriff der ‚Mitwelt‘ zu ersetzen. Sie strebt ein Leben im Einklang mit der Natur an, will über den Anthropozentrismus hinaus gehen und gibt dem Planeten und allen Lebensformen einen intrinsischen Wert, der über die reine Nutzung durch den Menschen hinausgeht. Leitgedanke tiefenökologischer Aktion ist die Vereinigung von analytischem Denken, authentischem Fühlen und ökologischer Spiritualität, die zusammen zu einem neuen politischen Handeln führen sollen.

Ursprung

Der norwegische Philosoph Arne Naess (1912–2009) führte 1972 den Ausdruck deep ecology in dem Essay „Shallow and the Deep“ im Journal Inquiry in die philosophische Literatur ein. Die Idee hatte er bereits kurz zuvor auf dem „Third World Future Research Conference“ in Bukarest vorgestellt. Die Einführung der begrifflichen Unterscheidung “deep/shallow ecology movement“ 1972 durch Arne Naess war die ‚Geburtsstunde’ der tiefenökologischen Bewegung. Naess wollte mit dieser Unterscheidung auf die Verschiedenartigkeit der Motive und Ziele in der ökologischen Bewegung hinweisen. Die ‚Shallow-Ecology-Movement’ (seichte/oberflächliche Ökologie bzw. ökologische Reformbewegung) richtet sich vor allem auf den Erhalt der Gesundheit des Menschen (insbesondere in den entwickelten Ländern) sowie auf den Kampf gegen die Verschmutzung und Zerstörung der Biosphäre sowie gegen den Raubbau der Ressourcen. Im Vordergrund stehen effiziente Rohstoffnutzung und die Reduktion von Schadstoffen mit technologischen Lösungen.

Die ‚Deep-Ecology-Movement’ oder auch tiefenökologische Bewegung ist kein Gegensatz zur ökologischen Reformbewegung, sondern unterstützt diese. In ihrer Suche nach einer neuen Umweltethik, Erkenntnistheorie, Kosmologie und Metaphysik reicht sie weit über die seichte Ökologie hinaus. Sie strebt gleichermaßen einen Wertewandel wie auch einen Wandel der sozialen Organisation/Strukturen an (vgl. DEVALL in BIRNBACHER 1997: S. 17 ff.)

Die Tiefenökologie vertritt eine holistische[1] Position, da sie die Natur als Lebensnetz in ihrer Gesamtheit betrachtet und ihr einen moralischen Eigenwert beimisst . Aus letzterem folgt, dass die Selbstverwirklichung des Menschen in Einklang mit der Selbstverwirklichung des Ganzen stehen sollte. Aus dem naturwissenschaftlichen Raum zeigt sich die Tiefenökologie inspiriert von der Allgemeinen Systemtheorie und der Gaia-Hypothese, wonach die Erde ein lebendiger, sich selbst regulierender, Organismus ist.

Neuere naturwissenschaftliche biologische und kognitionswissenschaftliche Ansätze mit Bezug zur Tiefenökologie finden sich bei dem deutschen Biologen und Philosophen Andreas Weber und seiner Poetischen Ökologie. Kulturhistorisch hat die Tiefenökologie starke Bezüge zu indigenen Weltanschauungen, griechischen Philosophen wie Heraklit, der christlichen Mystik, der deutschen Romantik, Philosophen wie Martin Heidegger. Theologisch hat sie enge Bezüge zur interreligiösen Umweltethik, zur lateinamerikanischen Befreiungstheologie und dem ethischen Ansatz von Papst Franziskus und seiner ‚Umweltenzyklika ‚laudatio si‘ aus dem Jahre 2015. Namhafte VertreterInnen der Tiefenökologie sind u.a. Joanna Macy, Dolores LaChapelle, John Seed, Bill Plotkin, Jochen Kirchhoff und Geseko von Lüpke.

Ökopsychologische Ansätze

Arne Naess hat den Begriff des ‚Ökologischen Selbst‘ eingeführt, um deutlich zu machen, dass sich menschliche Identität nicht nur auf den physischen Körper beschränken sollte, sondern die ‚Mitwelt‘ einschließt, die diesen Körper am Leben erhält. Erweitert sich die menschliche Identität in dieser Form, sind Menschen nach Sicht derTiefenökologie eher in der Lage, die Natur wie ihren größeren Körper zu sehen und entsprechend motiviert zu schützen. Eine psychologische Variante der Tiefenökologie hat Theodor Roszak in seinem Buch Ökopsychologie – Der entwurzelte Mensch und der Ruf der Erde (1994) entwickelt. Mit der Forderung nach „biosphärischer Gleichheit“ ist der Gedanke einer Empathie für alles Lebendige verbunden. Die Vorstellung, der Mensch stehe im Mittelpunkt seiner jeweiligen Um-Welt wird erweitert um die Perspektive des Menschen als integraler Bestandteil seiner natürlichen, sozialen und geistigen Mit-Welt. Die Ökophilosophin Joanna Macy geht darüber hinaus und empfiehlt eine tiefe ökologische Verbundenheit, welche die ‚Welt als Geliebte und als Selbst‘ ansieht.

Die Ökopsychologie sieht die Seele des Menschen tief in der Natur verwurzelt und setzt sich so über die dualistische Trennung des Innen vom Außen hinweg. Sie möchte zeigen, dass die Bedürfnisse des Individuums und die Bedürfnisse des Planeten eigentlich ein Kontinuum bilden. Jedoch wird die ökologische Weisheit der Psyche, die sich während der Evolution entwickelt hat und sich im Unbewussten (das sog. ‚ökologisch Unbewusste’) manifestiert, in der modernen Gesellschaft verdrängt. Darin sieht die Tiefenökologie die tiefste Wurzel der ökologischen Krise.

Entwicklung im deutschen Sprachraum

Neben den philosophischen (Arne Naess) und wissenschaftstheoretischen Quellen (Systemtheorie, GAIA-Hypothese) wurde für die entstehende tiefenökologische Bewegung im deutschen Sprachraum ab Beginn der 1980-er Jahre bedeutsam: vor allem die öko-psychologische, erfahrungsbasierte und systemkritische Gruppenarbeit „The Work That Reconnects“ (Die Arbeit die wieder verbindet) der amerikanischen Religionswissenschaftlerin, Ökophilosophin, Aktivistin und von buddhistischen Lehren und Praktiken inspirierten Joanna Macy die handlungsorientierten, emanzipatorischen, gewaltfreien Widerstandsformen des australischen Regenwald-Aktivisten John Seed die öko-spirituellen Ansätze des vietnamesischen Buddhisten Thich Nhat Hanh, des brasilianischen Theologen Leonardo Boff und des anglikanischen Schöpfungstheologen Matthew Fox. Seit Mitte der 1990-er Jahre konnten interessierte Personen durch eine Vielzahl von ein und mehrtägigen Workshops bis hin zu intensiven Ausbildungen (sog. HOLON-Trainings) erlebnisorientierte Erfahrungen und Einsichten in die Tiefenökologie gewinnen. 12-tägige ‚Visionssuchen‘ in der Wildnis werden seit 2000 als tiefenökologische Erfahrungsräume für umfassende Verbundenheits-Erfahrungen mit der Natur angeboten. Über aktuelle Seminare informiert das Netzwerk Tiefenökologie und das Netzwerk Visionssuche.

Seit 2010 setzen sich Netzwerktreffen und Konferenzen mit Pionieren und Aktivisten der globalen Zivilgesellschaft vermehrt mit den ökologischen Ansätzen der Tiefenökologie auseinander und beziehen sich auf ihr Grundaussagen als Fundament ihrer emanzipatorischen politischen Aktion. Ab 2018 muss sich im Zuge der erstarkenden nationalistischen und rechts-politischen Bewegung die deutsche Tiefenökologie vermehrt gegen ideologische Vereinnahmung abgrenzen und definiert sich politisch als integralen Bestandteil grüner, kapitalismus- und globalisierungskritischer, antirassistischer, antikolonialer, sozialrevolutionärer, emanzipatorischer politischer Bewegungen. Dies auf der Basis der Allgemeinen Menschenrechte, die um Naturrechte ergänzt werden. Sie versteht sich als Impulsgeber für einen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Kulturwandel einer egalitären, gerechten, freiheitlichen und kulturell vielfältigen Post-Wachstumsgesellschaft für das 21. Jahrhundert. Ab 2019 identifizieren sich Teile der Jugendbewegungen ‚Fridays for Future‘ und ‚Extinction Rebellion‘ mit Aspekten der Tiefenökologie, wenn sie mit Greta Thunberg von der ‚Verteidigung der lebenden Erde‘ sprechen, einen grundlegenden Wandel im Weltbild fordern oder Parolen nutzen wie ‚Wir sind Natur, die sich selbst verteidigt‘. Auch für die aktive therapeutische Auseinandersetzung mit Zukunftsängsten angesichts der Klimakrise werden die Erfahrungen der Tiefenökologie von den Jugendbewegungen nachgefragt.

Literatur

Gottwald, Franz-Theo / Klepsch, Andrea (Hrsg.): Tiefenökologie – Wie wir in Zukunft leben wollen, München 1995

Heinrichs, Johannes: Öko – Logik. Geistige Wege aus der Klima- und Umweltkatastrophe, München 2007

Loibl, Elisabeth: Tiefenökologie – Eine liebevolle Sicht auf die Erde, München 2014

Macy, Joanna: Geliebte Erde, gereiftes Selbst – Mut zu Wandel und Erneuerung, Paderborn 2009

Macy, Joanna / Gahbler, Norbert: Fünf Geschichten,die die Welt verändern – Einladung zu einer neuen Sicht auf die Welt, Paderborn 2013

Macy, Joanna / Johnstone, Chris: Hoffnung durch Handeln – Dem Chaos standhalten ohne verrückt zu werden, Paderborn 2014

Macy, Joanna / Brown, Molly: Für das Leben! Ohne Warum – Ermutigung zu einer spirituell-ökologischen Revolution, Paderborn 2017

Næss, Arne / Harold Glasser / Alan Drengson / Bill Devall / George Sessions: Deep ecology of wisdom. Explorations in unities of nature and cultures, selected papers, Dordrecht 2005

Plotkin, Bill: Soulcraft, Uhlstädt 2005,

Plotkin, Bill: Natur und Menschenseele, Uhlstädt 2010

von Lüpke, Geseko: Politik des Herzens, Uhlstädt 2003

von Lüpke, Geseko: Die Alternative. Wege und Weltbilder des Alternativen Nobelpreises, München 2005

von Lüpke, Geseko: Altes Wissen für eine neue Zeit, München 2008

Weber, Andreas: Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften,, Berlin 2014

Weber Andreas: Lebendigkeit. Eine erotische Ökologie, München 2016

Weber, Andreas: Indigenialität, Berlin 2018

Weblinks

Netzwerk Tiefenökologie

Holon-Institut

Netzwerk Visionssuche

Arne Naess

Joanna Macy (englisch): work that reconnects (USA) aktive hope (England)


[1] Holon = das Ganze (gr.), vom Philosophen A. KOESTLER geprägter Begriff. Holons sind als funktionierende Systeme integrierte Ganzheiten. Sie umschließen jedoch Subsysteme ebenso, wie sie von einem größerem System umschlossen werden (VON LÜPKE in GOTTWALD 1995, S. 89).

Vision Quest – Visionsuche

In der Wildnis allein auf dem Weg zu sich selbst

Vier Tage und Nächte allein in Natur: Die Visionssuche ist eine besondere Art der Herausforderung für Menschen, die sich an einem Wendepunkt in ihrem Leben befinden und Antworten auf zentrale Fragen des Daseins suchen. Die Natur ist nicht nur die materielle Lebensgrundlage der Menschheit, immer mehr wird erkannt und empfunden, dass das Sich-Einlassen auf die spirituelle Qualität der Natur heilsam auf Seele, Geist und Körper wirkt. Die Autoren sind erfahrene Visionssucheleiter und beschreiben in diesem Buch Vorbereitung und Ablauf einer Visionssuche und stellen zahlreiche Erfahrungsberichte von Visionssuchern vor. Die aktualisierte Neuauflage enthält einen ausführlichen Anhang mit weiterführenden Informationen.

Hier gibt es einen Auszug aus dem Buch: Die Wiederentdeckung der Wildnis?.

Von Sylvia Koch-Weser und Geseko von Lüpke 

Erhältlich bei Buch7

Die Wiederentdeckung der Wildnis?

Wildnis – was ist das überhaupt?

Die Lebensbedingungen der Menschen haben sich grundsätzlich gewandelt. Aber der Mensch selbst hat sich aber kaum geändert. Die Tiefenökoliogin Dolores LaChapelle sagt: “Der Punkt ist, daß wir nach wie vor die gleichen menschlichen Wesen sind. Die Leute sagen immer, man könne nicht zurück gehen. Aber wir sind seit 50.000 Jahren die gleichen Menschen. Und weil es mindestens 40.000 Jahre dauert, bis ein grundlegender genetischer Wandel eintritt, haben wir dafür noch gar nicht die Zeit gehabt. Wir sind dieselben, wir gehen nicht zurück, sondern entdecken nur den wirklichen Menschen wieder.” 1

Was sich fraglos verändert hat, ist das, was wir Wildnis nennen. Die Wildnis, die unsere Vorfahren kannten, ist wahrscheinlich unwiderbringlich verloren. Heute tritt uns die ungebändigte Natur in Form von ökologischen Krisenphänomenen entgegen: Mit Hochwasserkatastrophen, Dürren und Lawinen, Hautkarzinomen infolge erhöhter UVB-Strahlung und in Gestalt des ‘Rinderwahnsinns’, in dem sich der Wahnsinn industrieller Massentierhaltung spiegelt: “Krisenphänomene, von denen wir nicht mehr sagen können, ob es sich um Naturkatastrophen oder um ‘Kulturkatastrophen’ handelt” 2. Mit der fortschreitenden ökologischen Zerstörung ist die ‘Wildnis’ einerseits zur Metapher für zunehmend chaotische Verhältnisse in den Städten geworden: Wir sprechen vom ‘Großstadt-Dschungel’ und ‘Straßenschluchten’, von ‘Finanzhaien’ und ‘Korruptionssümpfen’. Andererseits ist die ‘Wildnis’ zum Synonym für die heile, von der Zerstörung durch die Zivilisation unberührte ursprüngliche Natur geworden.

Die gezähmte Wildnis

Romantisiert worden ist die wilde Natur schon seit dem 18. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert aber wurde sie zum lebendigen Beispiel für die sich selbst organisierende natürliche Welt und zum Museumsstück einer frei fließenden Evolution. Das machte sie auf ganz neue Weise zum schützenswerten Gut. Naturschutz wurde nicht länger in dem Sinn verstanden, dass der vernunftbegabte Mensch der ‘dummen’ Natur in entsprechenden ‘Naturparks’ dabei helfen müsse, sich selbst zu erhalten. Biologen und Forstwissenschaftler entdeckten vielmehr, dass der Wildnis eine eigene Intelligenz, eine erstaunliche Selbstheilungs- und Regenerationskraft innewohnt, daß – um es kurz zu sagen – die Wildnis auch ohne den Menschen wertvoll ist. Im Naturpark Bayerischer Wald hat der Borkenkäfer deshalb seit knapp zwei Jahrzehnten freie Bahn und darf seine Schneise in den neu entstehenden Urwalds schlagen, von dem der Mensch die Finger läßt. Wo Natur – zumindest in Reservaten – wieder sich selbst überlassen wird, spricht man neuerdings nicht mehr von Umweltschutz, sondern von ‘Prozessschutz’. Die ‘wilde Evolution’ wurde zum Wert an sich. Damit hat sich das Verhältnis zwischen Kultur und Wildnis an einem wichtigen Punkt geändert. Nachdem sich Kultur ursprünglich durch die Abgrenzung von der Wildnis entwickelt hatte und sich immer im Gegensatz zum Wilden definiert hatte, war die Wildnis jetzt zu einem Kulturgut geworden.

Zeitgleich ist die Sehnsucht der Menschen nach der Natur enorm gewachsen. Je reglementierter der Alltag in der Zivilisation wurde, desto mehr wurde die Wildnis zum Symbol für Selbstbestimmung, Freiheit, Authentizität und Heilung vom Stress und anderen Zivilisationskrankheiten. Die Werbeindustrie machte sich dies zunutze: Raucher entdecken die ‘Mildnis’, Biertrinker das Segeln auf einem alten Dreimaster. Urlaubsprospekte bieten Wildnistrips und Abenteuerreisen „in die letzten Paradiese“ an. Die Umweltbildung, die angesichts der ökologischen Krise immer wichtiger wurde, entdeckte die wilde Natur als Lehrerin für ökologisches Bewusstsein und Liebe zur Natur. Seit Mitte der 90er Jahre wurden in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 70 Naturschulen gegründet, die allesamt ein gutes Auskommen haben 3. Mit der modernen Erlebnispädagogik und dem Boom der Natursportarten hat die Grenzerfahrung in der Natur wieder eine pädagogische und soziale Anerkennung bekommen. Die Schlussfolgerung, dass die zunehmende Sehnsucht nach der Wildnis unmittelbar mit ihrem Verschwinden in der natürlichen Umwelt zu tun hat, liegt nahe.

Mensch und Natur – eine Spaltung heilen

Damit bekommt auch die Wiederentdeckung der Wildnis einen sehr aktuellen pädagogischen und politischen Aspekt. Denn diese Wiederentdeckung ist unmittelbar mit der drohenden Zerstörung der Wildnis und der gesunden Lebensgrundlagen in der Biosphäre verbunden. Erst mit der Erkenntnis, dass unser Verhältnis zur natürlichen Welt deutlich krankhafte Züge trägt, begann die ernsthafte Suche nach therapeutischen und rituellen Heilungsansätzen, die einer pathogenen Kultur helfen könnte. Die Diagnosen für den Zustand der modernen Welt sind zahlreich: Der Psychologe Theodore Roszack spricht von einer ‘dissoziierten Entfremdung’ – wir wissen von der Zerstörung, können sie wahrnehmen, aber handeln nicht 4. Erich Neumann spricht von einer ‘Bessenheit des Ich-Kompexes’, mit der die Wahrnehmung wider aller Erfahrung in eine psychische Innenwelt und eine physische Außenwelt getrennt werde 5. Der Philosoph Paul Shepard vergleicht den Zustand der Kultur mit einer ‘Entwicklungshemmung’, die einer Jugendpsychose ähnelt, bei der man sich die Welt einverleiben will, um sie zu besitzen 6. Der Geologe und Ökologe Thomas Berry bezeichnet unser Verhältnis zum Lebendigen als ‘Autismus’, weil wir unfähig sind, eine wechselseitige Beziehung und Kommunikation zur Natur aufzunehmen. Dolores LaChapelle diagnostiziert eine ‘suizidale Abhängigkeit’, die sich darin zeigt, das wir ein Verhalten nicht ändern, obwohl wir wissen, das es zerstörerisch wirkt. Ralph Metzner schließlich spricht von einer ‘kollektiven Amnesie’: Wir haben vergessen, was unsere Vorfahren längst wußten – Wissen über Wahrnehmungsformen, Initiationsriten, natürliche Kreisläufe, Ehrfurcht vor der Natur 7.

Allen diesen Diagnosen ist gemeinsam, dass sie im Gegensatz zur traditionellen Diagnostik der Psychopathologie nicht Individuen betreffen, sondern ganze Kulturen. Sie dehnen außerdem Krankheitsbilder, die wir aus der Zivilisation kennen, auf das Verhältnis zur belebten Welt aus. All die oben erwähnten Autoren eint die Überzeugung, dass eine Psychotherapie unvollständig bleibt, solange sie nicht die existentielle Grundlage unserer biologischen Existenz und der Beziehung zur Natur mit berücksichtigt. Und sie sind der Überzeugung, dass man in einer kranken Kultur keine gesunden Menschen findet. Aus dieser Grundüberzeugung entwickelte sich das, was man heute ‘Ökopsychologie’ nennt. Und von diesem Ansatz ausgehend hat man vor rund 40 Jahren begonnen, sich auf die Suche nach Erfahrungsformen zu machen, mit der die psychischen Krankheiten der Zivilisation aufgebrochen und geheilt werden können. Dabei stießen Pioniere wie Steven Foster und Meredith Little auch auf die alte Tradition der Visionssuche.

Die Rückkehr zum ökologischen Unbewussten

Die Grundannahme der Ökopsychologie ist, dass jedes äußere Ereignis auch ein inneres Ereignis ist und jedes innere Muster seinen Niederschlag in der äußeren Welt findet. Um also unser Verhalten gegenüber der Natur zu verändern, müssen wir die Wurzeln der Entfremdung erkennen und dort mit der Heilung ansetzen. Theodore Roszack spricht dabei von der “Rückkehr zum ökologischen Unbewussten” und meint die Wiederentdeckung der menschlichen Wurzeln in der natürlichen Welt. Um das zu erreichen, wendet sich die Ökopsychologie vielen Quellen zu, unter anderem den Heilungstechniken traditioneller Gesellschaften, der Naturmystik, der unmittelbaren Erfahrung der Wildnis und den Einsichten der Tiefenökologie. All diese Ansätze nutzt sie, um Menschen dabei zu unterstützen, sich mit der nicht-menschlichen Natur zu identifizieren, mitzufühlen und entsprechend ethisch-verantwortlich zu handeln: “Was die Erde braucht, muss in uns fühlbar werden; wir müssen es so spüren, als seien es unsere persönlichsten Bedürfnisse.” 8

Die Wiederentdeckung der Visionssuche und anderer Erfahrungsräume in der Wildnis entstanden also aus dem Bedürfnis, einen therapeutischen Ansatz zur Heilung einer kranken Kultur zu finden. Und aus der Einsicht, dass unsere moderne Kultur sowohl der Auslöser, als auch der Weg ist, der uns aus der Krise herausführen kann. Und im Gegensatz zu allen psychotherapeutischen Schulen nahm sie die Entfremdung des modernen Menschen von der mehr-als-menschlichen-Natur nicht als etwas Gegebenes und Irreversibles hin.

Wir Menschen sind untrennbare Teile eines Ganzen

Die Heilung, die die Visionssuche und Wildniserfahrung bietet, liegt darin, sich auf einer körperlichen, psychologischen und spirituellen Ebene wieder als einen Teil des Ökosystems und der Biosphäre erleben zu können. Wenn die Trennung zwischen Mensch und Natur auch nur einmal aufgehoben wurde, ändert sich das Weltbild. Die Wiederanbindung ist ein Sprung auf eine andere Ebene der Erfahrung, einer anderen Ebene, die Wirklichkeit wahrzunehmen und eine andere Ebene des Verhaltens in der Welt. Es bedeutet, sich auf eine neue Art im Netz des Lebens zu verorten und Teil von etwas Größerem zu sein, das alles Lebendige umfasst. Und es ist ein Wechsel von festen ideologischen Glaubenssystemen zur Authentizität der eigenen Erfahrung.

Damit ist die Wildniserfahrung auch eine sehr politische Antwort auf den Zustand der Welt: Ihre Wiederentdeckung hing unmittelbar mit der ökologischen Krise und der Suche nach therapeutischen Ansätzen zur Heilung eines pathologischen Umgangs mit der Natur zusammen. Und die moderne Praxis der ‚Wildnisarbeit‘ ist neben allen ihren erwähnten anderen Wirkungen auch eine Arbeit am ökologischen und politischen Bewusstsein. Wer sich selbst in einer so existentiellen Form als Teil der Erde und die Erde als Teil seiner selbst erlebt hat, wer die Angst vor der Wildnis in Liebe verwandelt hat und die Chance hatte, seine eigene innere Vielfalt in der Vielfalt der lebendigen Natur zu entdecken, der wird sich für eine ökologisch nachhaltige Gesellschaft engagieren – nicht aus ideologischen Gründen, sondern wegen seiner unmittelbaren Erfahrung.

aus dem Buch von Geseko v. Lüpke und Sylvia Koch-Weser:
Vision Quest – Visionsuche: Allein in der Wildnis auf dem Weg zu sich selbst, Oya-Verlag)

1 Die Anthropologin und Philosophin Dolores La Chapelle im Gespräch mit den Autoren

2 Hofmeister, Sabine: Des Unbekannten Zähmung. Abschied vom gegensatz Natur versus Kultur, in: Politische Ökologie: Wa(h)re Wildnis, a.a.O., S. 27

3 v. Lüpke, Geseko…………

4 vergl.: Roszack, Theodore: Ökopsychologe, a.a.O.

5 Neumannn, Erich: Die Psyche als Ortt der gestalttung, zit. nach: Schäfer, Irmtraud, a.a.O., S. 231

6 Shepard, Paul: Nature and Madness, zit. nach: Metzner, Ralph: Green Psychology,a.a.O., S. 86

7 Metzner, Ralph: Green Psychology, a.a.O., S. 86-91

8 vergl.: Roszack, Theodore: Ökopsychologie, a.a.O., S. 442 ff.; und für das Zitat S. 71

Was ist Visionssuche?

Die Visionssuche wurde in vielen indigenen Völkern als Initiation in eine neue Phase des Lebens genutzt. Auch hier im Westen kann man solch ein Ritual, ein Naturerlebnis praktizieren. Vier Tage in der Natur – das hat eine klärende Wirkung, so der Visionssuche-Leiter, Journalist und Autor Dr. Geseko von Lüpke, der die Visionssuche genauer vorstellt.

Geseko v. Lüpke im Gespräch auf ‚Mystica TV‘, 25 Min.

https://www.youtube.com/watch?v=naUlGB0fuhk

„Ich bin, weil Du bist“

Afrikas Ubuntu – Die Philosophie der Menschlichkeit

von Geseko von Lüpke

Die Philosophie ‚Ubuntu‘ steht für Brüderlichkeit, Vergebung, Solidarität, Mitgefühl und gemeinsame Verantwortung. Diese Philosophie der Menschlichkeit wurde durch den früheren Präsidenten Nelson Mandela repräsentiert.

https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/afrikas-ubuntu-die-philosophie-der-menschlichkeit-1/1411101

22 Min. | Ausstrahlung am 30.1.2019

Hoffnung entsteht im Handeln

40 Jahre Alternativer Nobelpreis

von Geseko von Lüpke

Der Alternative Nobelpreis wird seit 40 Jahren verliehen. Ausgezeichnet werden Friedens-, Umwelt- und soziale Projekte. Der wohl wichtigste Preis der Zivilgesellschaft zeigt, wie gerade in Zeiten der Krise eine andere Welt möglich ist.

https://www.br.de/mediathek/podcast/religion-die-dokumentation/40-jahre-alternativer-nobelpreis/1788196

25 Min. | Ausstrahlung am 15.12.2019

Wie erzählen wir die Zukunft neu?

Die Suche nach einer neuen Geschichte des Menschseins

von Geseko von Lüpke

Die moderne Welt basiert auf einer bis zu 3.000 Jahre alten Schöpfungserzählung, die – vielfach missverstanden – in die menschliche Beherrschung der irdischen Biosphäre mündete und zur Trennung zwischen Natur und Mensch geführt hat. Sie steht für ein von der Naturwissenschaft dominiertes Weltbild, dass unsere Existenz als zufällig, weitgehend sinnlos, vom größeren Ganzen abgetrennt, auf Konkurrenz und Kampf aller gegen alle erklärt. Dieses Weltbild hat eine Realität der Naturzerstörung und sozialen Spaltung geschaffen, welche die Menschheit heute mit der akuten Gefahr der Selbstzerstörung konfrontiert. In dieser Situation entstehen aber weltweit zahlreiche Versuche, die Rolle des Menschen ganz neu zu verstehen und eine „Neue Geschichte“ des Menschen zu formulieren, die als ethische Grundlage für eine Kultur der Zukunftsfähigkeit wirken soll. Daran beteiligt sind Philosophen, Theologen und Geisteswissenschaftler, aber auch Physiker, Biologen und Kosmologen.

https://www.br.de/mediathek/podcast/religion-die-dokumentation/die-suche-nach-einer-neuen-geschichte-des-menschseins/1790303

Mit Gott im Grünen

Zu Fuß durch die Wildnis Südafrikas

Die Wildhüter im südafrikanischen „Umfolozi-Naturpark“ nahe dem benachbarten Mozambique bieten ihren Besuchern eine besondere Erfahrung. Wer den Mut mitbringt, geht mit den erfahrenen Zulus vier Tage und vier Nächte zu Fuß und ohne Zelt durch das Wildreservat, das ungefähr die Größe des Saarlandes hat. Autor: Geseko von Lüpke.

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/evangelische-perspektiven/evangelische-perspektiven-268.html