Was ist Tiefenökologie?

(weitgehende Textübernahme von WIKIPEDIA)  

Tiefenökologie (englisch: deep ecology) ist eine ganzheitliche Umwelt- und Naturphilosophie, welche die naturwissenschaftliche Ökologie mit ethisch-spirituellen Wertefragen verbindet und das politische Engagement für einen nachhaltigen, basisdemokratischen, emanzipatorischen Kulturwandel auf ein breiteres Fundament stellen will. Tiefenökologie betont die enge Verflechtung und gegenseitige Abhängigkeit zwischen Natur- und Menschenwelt und plädiert dafür, den dualistischen Begriff der ‚Umwelt‘ durch den Begriff der ‚Mitwelt‘ zu ersetzen. Sie strebt ein Leben im Einklang mit der Natur an, will über den Anthropozentrismus hinaus gehen und gibt dem Planeten und allen Lebensformen einen intrinsischen Wert, der über die reine Nutzung durch den Menschen hinausgeht. Leitgedanke tiefenökologischer Aktion ist die Vereinigung von analytischem Denken, authentischem Fühlen und ökologischer Spiritualität, die zusammen zu einem neuen politischen Handeln führen sollen.

Ursprung

Der norwegische Philosoph Arne Naess (1912–2009) führte 1972 den Ausdruck deep ecology in dem Essay „Shallow and the Deep“ im Journal Inquiry in die philosophische Literatur ein. Die Idee hatte er bereits kurz zuvor auf dem „Third World Future Research Conference“ in Bukarest vorgestellt. Die Einführung der begrifflichen Unterscheidung “deep/shallow ecology movement“ 1972 durch Arne Naess war die ‚Geburtsstunde’ der tiefenökologischen Bewegung. Naess wollte mit dieser Unterscheidung auf die Verschiedenartigkeit der Motive und Ziele in der ökologischen Bewegung hinweisen. Die ‚Shallow-Ecology-Movement’ (seichte/oberflächliche Ökologie bzw. ökologische Reformbewegung) richtet sich vor allem auf den Erhalt der Gesundheit des Menschen (insbesondere in den entwickelten Ländern) sowie auf den Kampf gegen die Verschmutzung und Zerstörung der Biosphäre sowie gegen den Raubbau der Ressourcen. Im Vordergrund stehen effiziente Rohstoffnutzung und die Reduktion von Schadstoffen mit technologischen Lösungen.

Die ‚Deep-Ecology-Movement’ oder auch tiefenökologische Bewegung ist kein Gegensatz zur ökologischen Reformbewegung, sondern unterstützt diese. In ihrer Suche nach einer neuen Umweltethik, Erkenntnistheorie, Kosmologie und Metaphysik reicht sie weit über die seichte Ökologie hinaus. Sie strebt gleichermaßen einen Wertewandel wie auch einen Wandel der sozialen Organisation/Strukturen an (vgl. DEVALL in BIRNBACHER 1997: S. 17 ff.)

Die Tiefenökologie vertritt eine holistische[1] Position, da sie die Natur als Lebensnetz in ihrer Gesamtheit betrachtet und ihr einen moralischen Eigenwert beimisst . Aus letzterem folgt, dass die Selbstverwirklichung des Menschen in Einklang mit der Selbstverwirklichung des Ganzen stehen sollte. Aus dem naturwissenschaftlichen Raum zeigt sich die Tiefenökologie inspiriert von der Allgemeinen Systemtheorie und der Gaia-Hypothese, wonach die Erde ein lebendiger, sich selbst regulierender, Organismus ist.

Neuere naturwissenschaftliche biologische und kognitionswissenschaftliche Ansätze mit Bezug zur Tiefenökologie finden sich bei dem deutschen Biologen und Philosophen Andreas Weber und seiner Poetischen Ökologie. Kulturhistorisch hat die Tiefenökologie starke Bezüge zu indigenen Weltanschauungen, griechischen Philosophen wie Heraklit, der christlichen Mystik, der deutschen Romantik, Philosophen wie Martin Heidegger. Theologisch hat sie enge Bezüge zur interreligiösen Umweltethik, zur lateinamerikanischen Befreiungstheologie und dem ethischen Ansatz von Papst Franziskus und seiner ‚Umweltenzyklika ‚laudatio si‘ aus dem Jahre 2015. Namhafte VertreterInnen der Tiefenökologie sind u.a. Joanna Macy, Dolores LaChapelle, John Seed, Bill Plotkin, Jochen Kirchhoff und Geseko von Lüpke.

Ökopsychologische Ansätze

Arne Naess hat den Begriff des ‚Ökologischen Selbst‘ eingeführt, um deutlich zu machen, dass sich menschliche Identität nicht nur auf den physischen Körper beschränken sollte, sondern die ‚Mitwelt‘ einschließt, die diesen Körper am Leben erhält. Erweitert sich die menschliche Identität in dieser Form, sind Menschen nach Sicht derTiefenökologie eher in der Lage, die Natur wie ihren größeren Körper zu sehen und entsprechend motiviert zu schützen. Eine psychologische Variante der Tiefenökologie hat Theodor Roszak in seinem Buch Ökopsychologie – Der entwurzelte Mensch und der Ruf der Erde (1994) entwickelt. Mit der Forderung nach „biosphärischer Gleichheit“ ist der Gedanke einer Empathie für alles Lebendige verbunden. Die Vorstellung, der Mensch stehe im Mittelpunkt seiner jeweiligen Um-Welt wird erweitert um die Perspektive des Menschen als integraler Bestandteil seiner natürlichen, sozialen und geistigen Mit-Welt. Die Ökophilosophin Joanna Macy geht darüber hinaus und empfiehlt eine tiefe ökologische Verbundenheit, welche die ‚Welt als Geliebte und als Selbst‘ ansieht.

Die Ökopsychologie sieht die Seele des Menschen tief in der Natur verwurzelt und setzt sich so über die dualistische Trennung des Innen vom Außen hinweg. Sie möchte zeigen, dass die Bedürfnisse des Individuums und die Bedürfnisse des Planeten eigentlich ein Kontinuum bilden. Jedoch wird die ökologische Weisheit der Psyche, die sich während der Evolution entwickelt hat und sich im Unbewussten (das sog. ‚ökologisch Unbewusste’) manifestiert, in der modernen Gesellschaft verdrängt. Darin sieht die Tiefenökologie die tiefste Wurzel der ökologischen Krise.

Entwicklung im deutschen Sprachraum

Neben den philosophischen (Arne Naess) und wissenschaftstheoretischen Quellen (Systemtheorie, GAIA-Hypothese) wurde für die entstehende tiefenökologische Bewegung im deutschen Sprachraum ab Beginn der 1980-er Jahre bedeutsam: vor allem die öko-psychologische, erfahrungsbasierte und systemkritische Gruppenarbeit „The Work That Reconnects“ (Die Arbeit die wieder verbindet) der amerikanischen Religionswissenschaftlerin, Ökophilosophin, Aktivistin und von buddhistischen Lehren und Praktiken inspirierten Joanna Macy die handlungsorientierten, emanzipatorischen, gewaltfreien Widerstandsformen des australischen Regenwald-Aktivisten John Seed die öko-spirituellen Ansätze des vietnamesischen Buddhisten Thich Nhat Hanh, des brasilianischen Theologen Leonardo Boff und des anglikanischen Schöpfungstheologen Matthew Fox. Seit Mitte der 1990-er Jahre konnten interessierte Personen durch eine Vielzahl von ein und mehrtägigen Workshops bis hin zu intensiven Ausbildungen (sog. HOLON-Trainings) erlebnisorientierte Erfahrungen und Einsichten in die Tiefenökologie gewinnen. 12-tägige ‚Visionssuchen‘ in der Wildnis werden seit 2000 als tiefenökologische Erfahrungsräume für umfassende Verbundenheits-Erfahrungen mit der Natur angeboten. Über aktuelle Seminare informiert das Netzwerk Tiefenökologie und das Netzwerk Visionssuche.

Seit 2010 setzen sich Netzwerktreffen und Konferenzen mit Pionieren und Aktivisten der globalen Zivilgesellschaft vermehrt mit den ökologischen Ansätzen der Tiefenökologie auseinander und beziehen sich auf ihr Grundaussagen als Fundament ihrer emanzipatorischen politischen Aktion. Ab 2018 muss sich im Zuge der erstarkenden nationalistischen und rechts-politischen Bewegung die deutsche Tiefenökologie vermehrt gegen ideologische Vereinnahmung abgrenzen und definiert sich politisch als integralen Bestandteil grüner, kapitalismus- und globalisierungskritischer, antirassistischer, antikolonialer, sozialrevolutionärer, emanzipatorischer politischer Bewegungen. Dies auf der Basis der Allgemeinen Menschenrechte, die um Naturrechte ergänzt werden. Sie versteht sich als Impulsgeber für einen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Kulturwandel einer egalitären, gerechten, freiheitlichen und kulturell vielfältigen Post-Wachstumsgesellschaft für das 21. Jahrhundert. Ab 2019 identifizieren sich Teile der Jugendbewegungen ‚Fridays for Future‘ und ‚Extinction Rebellion‘ mit Aspekten der Tiefenökologie, wenn sie mit Greta Thunberg von der ‚Verteidigung der lebenden Erde‘ sprechen, einen grundlegenden Wandel im Weltbild fordern oder Parolen nutzen wie ‚Wir sind Natur, die sich selbst verteidigt‘. Auch für die aktive therapeutische Auseinandersetzung mit Zukunftsängsten angesichts der Klimakrise werden die Erfahrungen der Tiefenökologie von den Jugendbewegungen nachgefragt.

Literatur

Gottwald, Franz-Theo / Klepsch, Andrea (Hrsg.): Tiefenökologie – Wie wir in Zukunft leben wollen, München 1995

Heinrichs, Johannes: Öko – Logik. Geistige Wege aus der Klima- und Umweltkatastrophe, München 2007

Loibl, Elisabeth: Tiefenökologie – Eine liebevolle Sicht auf die Erde, München 2014

Macy, Joanna: Geliebte Erde, gereiftes Selbst – Mut zu Wandel und Erneuerung, Paderborn 2009

Macy, Joanna / Gahbler, Norbert: Fünf Geschichten,die die Welt verändern – Einladung zu einer neuen Sicht auf die Welt, Paderborn 2013

Macy, Joanna / Johnstone, Chris: Hoffnung durch Handeln – Dem Chaos standhalten ohne verrückt zu werden, Paderborn 2014

Macy, Joanna / Brown, Molly: Für das Leben! Ohne Warum – Ermutigung zu einer spirituell-ökologischen Revolution, Paderborn 2017

Næss, Arne / Harold Glasser / Alan Drengson / Bill Devall / George Sessions: Deep ecology of wisdom. Explorations in unities of nature and cultures, selected papers, Dordrecht 2005

Plotkin, Bill: Soulcraft, Uhlstädt 2005,

Plotkin, Bill: Natur und Menschenseele, Uhlstädt 2010

von Lüpke, Geseko: Politik des Herzens, Uhlstädt 2003

von Lüpke, Geseko: Die Alternative. Wege und Weltbilder des Alternativen Nobelpreises, München 2005

von Lüpke, Geseko: Altes Wissen für eine neue Zeit, München 2008

Weber, Andreas: Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften,, Berlin 2014

Weber Andreas: Lebendigkeit. Eine erotische Ökologie, München 2016

Weber, Andreas: Indigenialität, Berlin 2018

Weblinks

Netzwerk Tiefenökologie

Holon-Institut

Netzwerk Visionssuche

Arne Naess

Joanna Macy (englisch): work that reconnects (USA) aktive hope (England)


[1] Holon = das Ganze (gr.), vom Philosophen A. KOESTLER geprägter Begriff. Holons sind als funktionierende Systeme integrierte Ganzheiten. Sie umschließen jedoch Subsysteme ebenso, wie sie von einem größerem System umschlossen werden (VON LÜPKE in GOTTWALD 1995, S. 89).

Die Wiederentdeckung der Wildnis?

Wildnis – was ist das überhaupt?

Die Lebensbedingungen der Menschen haben sich grundsätzlich gewandelt. Aber der Mensch selbst hat sich aber kaum geändert. Die Tiefenökoliogin Dolores LaChapelle sagt: “Der Punkt ist, daß wir nach wie vor die gleichen menschlichen Wesen sind. Die Leute sagen immer, man könne nicht zurück gehen. Aber wir sind seit 50.000 Jahren die gleichen Menschen. Und weil es mindestens 40.000 Jahre dauert, bis ein grundlegender genetischer Wandel eintritt, haben wir dafür noch gar nicht die Zeit gehabt. Wir sind dieselben, wir gehen nicht zurück, sondern entdecken nur den wirklichen Menschen wieder.” 1

Was sich fraglos verändert hat, ist das, was wir Wildnis nennen. Die Wildnis, die unsere Vorfahren kannten, ist wahrscheinlich unwiderbringlich verloren. Heute tritt uns die ungebändigte Natur in Form von ökologischen Krisenphänomenen entgegen: Mit Hochwasserkatastrophen, Dürren und Lawinen, Hautkarzinomen infolge erhöhter UVB-Strahlung und in Gestalt des ‘Rinderwahnsinns’, in dem sich der Wahnsinn industrieller Massentierhaltung spiegelt: “Krisenphänomene, von denen wir nicht mehr sagen können, ob es sich um Naturkatastrophen oder um ‘Kulturkatastrophen’ handelt” 2. Mit der fortschreitenden ökologischen Zerstörung ist die ‘Wildnis’ einerseits zur Metapher für zunehmend chaotische Verhältnisse in den Städten geworden: Wir sprechen vom ‘Großstadt-Dschungel’ und ‘Straßenschluchten’, von ‘Finanzhaien’ und ‘Korruptionssümpfen’. Andererseits ist die ‘Wildnis’ zum Synonym für die heile, von der Zerstörung durch die Zivilisation unberührte ursprüngliche Natur geworden.

Die gezähmte Wildnis

Romantisiert worden ist die wilde Natur schon seit dem 18. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert aber wurde sie zum lebendigen Beispiel für die sich selbst organisierende natürliche Welt und zum Museumsstück einer frei fließenden Evolution. Das machte sie auf ganz neue Weise zum schützenswerten Gut. Naturschutz wurde nicht länger in dem Sinn verstanden, dass der vernunftbegabte Mensch der ‘dummen’ Natur in entsprechenden ‘Naturparks’ dabei helfen müsse, sich selbst zu erhalten. Biologen und Forstwissenschaftler entdeckten vielmehr, dass der Wildnis eine eigene Intelligenz, eine erstaunliche Selbstheilungs- und Regenerationskraft innewohnt, daß – um es kurz zu sagen – die Wildnis auch ohne den Menschen wertvoll ist. Im Naturpark Bayerischer Wald hat der Borkenkäfer deshalb seit knapp zwei Jahrzehnten freie Bahn und darf seine Schneise in den neu entstehenden Urwalds schlagen, von dem der Mensch die Finger läßt. Wo Natur – zumindest in Reservaten – wieder sich selbst überlassen wird, spricht man neuerdings nicht mehr von Umweltschutz, sondern von ‘Prozessschutz’. Die ‘wilde Evolution’ wurde zum Wert an sich. Damit hat sich das Verhältnis zwischen Kultur und Wildnis an einem wichtigen Punkt geändert. Nachdem sich Kultur ursprünglich durch die Abgrenzung von der Wildnis entwickelt hatte und sich immer im Gegensatz zum Wilden definiert hatte, war die Wildnis jetzt zu einem Kulturgut geworden.

Zeitgleich ist die Sehnsucht der Menschen nach der Natur enorm gewachsen. Je reglementierter der Alltag in der Zivilisation wurde, desto mehr wurde die Wildnis zum Symbol für Selbstbestimmung, Freiheit, Authentizität und Heilung vom Stress und anderen Zivilisationskrankheiten. Die Werbeindustrie machte sich dies zunutze: Raucher entdecken die ‘Mildnis’, Biertrinker das Segeln auf einem alten Dreimaster. Urlaubsprospekte bieten Wildnistrips und Abenteuerreisen „in die letzten Paradiese“ an. Die Umweltbildung, die angesichts der ökologischen Krise immer wichtiger wurde, entdeckte die wilde Natur als Lehrerin für ökologisches Bewusstsein und Liebe zur Natur. Seit Mitte der 90er Jahre wurden in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 70 Naturschulen gegründet, die allesamt ein gutes Auskommen haben 3. Mit der modernen Erlebnispädagogik und dem Boom der Natursportarten hat die Grenzerfahrung in der Natur wieder eine pädagogische und soziale Anerkennung bekommen. Die Schlussfolgerung, dass die zunehmende Sehnsucht nach der Wildnis unmittelbar mit ihrem Verschwinden in der natürlichen Umwelt zu tun hat, liegt nahe.

Mensch und Natur – eine Spaltung heilen

Damit bekommt auch die Wiederentdeckung der Wildnis einen sehr aktuellen pädagogischen und politischen Aspekt. Denn diese Wiederentdeckung ist unmittelbar mit der drohenden Zerstörung der Wildnis und der gesunden Lebensgrundlagen in der Biosphäre verbunden. Erst mit der Erkenntnis, dass unser Verhältnis zur natürlichen Welt deutlich krankhafte Züge trägt, begann die ernsthafte Suche nach therapeutischen und rituellen Heilungsansätzen, die einer pathogenen Kultur helfen könnte. Die Diagnosen für den Zustand der modernen Welt sind zahlreich: Der Psychologe Theodore Roszack spricht von einer ‘dissoziierten Entfremdung’ – wir wissen von der Zerstörung, können sie wahrnehmen, aber handeln nicht 4. Erich Neumann spricht von einer ‘Bessenheit des Ich-Kompexes’, mit der die Wahrnehmung wider aller Erfahrung in eine psychische Innenwelt und eine physische Außenwelt getrennt werde 5. Der Philosoph Paul Shepard vergleicht den Zustand der Kultur mit einer ‘Entwicklungshemmung’, die einer Jugendpsychose ähnelt, bei der man sich die Welt einverleiben will, um sie zu besitzen 6. Der Geologe und Ökologe Thomas Berry bezeichnet unser Verhältnis zum Lebendigen als ‘Autismus’, weil wir unfähig sind, eine wechselseitige Beziehung und Kommunikation zur Natur aufzunehmen. Dolores LaChapelle diagnostiziert eine ‘suizidale Abhängigkeit’, die sich darin zeigt, das wir ein Verhalten nicht ändern, obwohl wir wissen, das es zerstörerisch wirkt. Ralph Metzner schließlich spricht von einer ‘kollektiven Amnesie’: Wir haben vergessen, was unsere Vorfahren längst wußten – Wissen über Wahrnehmungsformen, Initiationsriten, natürliche Kreisläufe, Ehrfurcht vor der Natur 7.

Allen diesen Diagnosen ist gemeinsam, dass sie im Gegensatz zur traditionellen Diagnostik der Psychopathologie nicht Individuen betreffen, sondern ganze Kulturen. Sie dehnen außerdem Krankheitsbilder, die wir aus der Zivilisation kennen, auf das Verhältnis zur belebten Welt aus. All die oben erwähnten Autoren eint die Überzeugung, dass eine Psychotherapie unvollständig bleibt, solange sie nicht die existentielle Grundlage unserer biologischen Existenz und der Beziehung zur Natur mit berücksichtigt. Und sie sind der Überzeugung, dass man in einer kranken Kultur keine gesunden Menschen findet. Aus dieser Grundüberzeugung entwickelte sich das, was man heute ‘Ökopsychologie’ nennt. Und von diesem Ansatz ausgehend hat man vor rund 40 Jahren begonnen, sich auf die Suche nach Erfahrungsformen zu machen, mit der die psychischen Krankheiten der Zivilisation aufgebrochen und geheilt werden können. Dabei stießen Pioniere wie Steven Foster und Meredith Little auch auf die alte Tradition der Visionssuche.

Die Rückkehr zum ökologischen Unbewussten

Die Grundannahme der Ökopsychologie ist, dass jedes äußere Ereignis auch ein inneres Ereignis ist und jedes innere Muster seinen Niederschlag in der äußeren Welt findet. Um also unser Verhalten gegenüber der Natur zu verändern, müssen wir die Wurzeln der Entfremdung erkennen und dort mit der Heilung ansetzen. Theodore Roszack spricht dabei von der “Rückkehr zum ökologischen Unbewussten” und meint die Wiederentdeckung der menschlichen Wurzeln in der natürlichen Welt. Um das zu erreichen, wendet sich die Ökopsychologie vielen Quellen zu, unter anderem den Heilungstechniken traditioneller Gesellschaften, der Naturmystik, der unmittelbaren Erfahrung der Wildnis und den Einsichten der Tiefenökologie. All diese Ansätze nutzt sie, um Menschen dabei zu unterstützen, sich mit der nicht-menschlichen Natur zu identifizieren, mitzufühlen und entsprechend ethisch-verantwortlich zu handeln: “Was die Erde braucht, muss in uns fühlbar werden; wir müssen es so spüren, als seien es unsere persönlichsten Bedürfnisse.” 8

Die Wiederentdeckung der Visionssuche und anderer Erfahrungsräume in der Wildnis entstanden also aus dem Bedürfnis, einen therapeutischen Ansatz zur Heilung einer kranken Kultur zu finden. Und aus der Einsicht, dass unsere moderne Kultur sowohl der Auslöser, als auch der Weg ist, der uns aus der Krise herausführen kann. Und im Gegensatz zu allen psychotherapeutischen Schulen nahm sie die Entfremdung des modernen Menschen von der mehr-als-menschlichen-Natur nicht als etwas Gegebenes und Irreversibles hin.

Wir Menschen sind untrennbare Teile eines Ganzen

Die Heilung, die die Visionssuche und Wildniserfahrung bietet, liegt darin, sich auf einer körperlichen, psychologischen und spirituellen Ebene wieder als einen Teil des Ökosystems und der Biosphäre erleben zu können. Wenn die Trennung zwischen Mensch und Natur auch nur einmal aufgehoben wurde, ändert sich das Weltbild. Die Wiederanbindung ist ein Sprung auf eine andere Ebene der Erfahrung, einer anderen Ebene, die Wirklichkeit wahrzunehmen und eine andere Ebene des Verhaltens in der Welt. Es bedeutet, sich auf eine neue Art im Netz des Lebens zu verorten und Teil von etwas Größerem zu sein, das alles Lebendige umfasst. Und es ist ein Wechsel von festen ideologischen Glaubenssystemen zur Authentizität der eigenen Erfahrung.

Damit ist die Wildniserfahrung auch eine sehr politische Antwort auf den Zustand der Welt: Ihre Wiederentdeckung hing unmittelbar mit der ökologischen Krise und der Suche nach therapeutischen Ansätzen zur Heilung eines pathologischen Umgangs mit der Natur zusammen. Und die moderne Praxis der ‚Wildnisarbeit‘ ist neben allen ihren erwähnten anderen Wirkungen auch eine Arbeit am ökologischen und politischen Bewusstsein. Wer sich selbst in einer so existentiellen Form als Teil der Erde und die Erde als Teil seiner selbst erlebt hat, wer die Angst vor der Wildnis in Liebe verwandelt hat und die Chance hatte, seine eigene innere Vielfalt in der Vielfalt der lebendigen Natur zu entdecken, der wird sich für eine ökologisch nachhaltige Gesellschaft engagieren – nicht aus ideologischen Gründen, sondern wegen seiner unmittelbaren Erfahrung.

aus dem Buch von Geseko v. Lüpke und Sylvia Koch-Weser:
Vision Quest – Visionsuche: Allein in der Wildnis auf dem Weg zu sich selbst, Oya-Verlag)

1 Die Anthropologin und Philosophin Dolores La Chapelle im Gespräch mit den Autoren

2 Hofmeister, Sabine: Des Unbekannten Zähmung. Abschied vom gegensatz Natur versus Kultur, in: Politische Ökologie: Wa(h)re Wildnis, a.a.O., S. 27

3 v. Lüpke, Geseko…………

4 vergl.: Roszack, Theodore: Ökopsychologe, a.a.O.

5 Neumannn, Erich: Die Psyche als Ortt der gestalttung, zit. nach: Schäfer, Irmtraud, a.a.O., S. 231

6 Shepard, Paul: Nature and Madness, zit. nach: Metzner, Ralph: Green Psychology,a.a.O., S. 86

7 Metzner, Ralph: Green Psychology, a.a.O., S. 86-91

8 vergl.: Roszack, Theodore: Ökopsychologie, a.a.O., S. 442 ff.; und für das Zitat S. 71

Wilde Weisheit

Was für ein Schock ist es für unser psychisches System, plötzlich aus der immensen Überreizung und Hochgeschwindigkeit, die unsere Kultur uns bietet, heraus zu fallen. Erst: Bäume und Straßen, Telefonmasten und vorbeiflitzende Autos, Werbeplakate und Radiogeplärre, Handyklingeln und die einschmeichelnde Stimme des Navi’s. Gerade noch Berge von Daten, die sich aus Medien und Computern im Sekundentakt über uns ergießen, schlagende Bässe aus Lautsprecheranlagen, das Röhren tief fliegender Passagier-Jets, das Jaulen einer Polizeisirene. Überall Worte, Zeichen und Symbole, die nach unseren Augen zu greifen scheinen und den Blick einfangen wie eine hilflos taumelnde Motte …

Und dann: gar keine Worte, Geräusche nur von den Flüssen und Wind in den Bäumen, das Knistern des Feuers. Klänge der Nacht im Wald, das archaische Bellen des Rehbocks, der Ruf des Käuzchens, das Flattern der Fledermaus, das Husten des Siebenschläfers. Nur Herzschlag und Atem sind plötzlich so laut. Und winzige Käfer machen einen Lärm, dass die Phantasie Purzelbäume schlägt. Ohren, Augen, Nase und Haut öffnen sich voller Verwunderung, Farbe, Gerüche und Formen werden lebendiger, so als ob sie ihre Schalen und Schuppen hätten fallenlassen. Der Geist nimmt in tiefen Zügen ein Orchester von Eindrücken, von Kräften und Systemen wahr und in sich auf: Sterben und Wiedergeburt rundherum, ein Fluss voller Gesundheit, der frei strömt, sich leise singend an Widerständen entlang schlängelt; ein Pfad, der sich durch den Wald windet, erst hier hin dann dorthin. Ein Versprechen von Überraschung, vom Einbruch des Unerwartetem. Ein friedliches sanftes Licht zwischen den Bäumen hier, das uns vor Hoffnung lächeln lässt; dunkle Schatten, Schluchten und Sumpf dort, der uns schaudern macht und erinnert an die Abgründe unseres Herzens und den Morast dunkler Gefühle und Wunden.

Wildnis: Sie bleibt auch in Zeiten von digitalen Bildschirmen, GPS, Google Earth und fast allgegenwärtiger Erreichbarkeit der Gegenentwurf zur zivilisatorischen Kontrolle, zum Mythos der technologischen Beherrschbarkeit, zur Rundum-Sicherheit, die uns Versicherungsmakler und Innenminister versprechen – und die wir deshalb bezahlen und wählen. All das ist draußen vergessen, alle Worte und Klischees verschwimmen. „Die zivilisatorische Schicht“ so hat es der amerikanische Psychologe Robert Greenway nach langen Forschungsreisen in die wilde Natur einmal formuliert „ist nur drei Tage dick!“ Wer länger draußen aushält, landet nach und nach in einer anderen Welt. Die Masken, die wir sonst herumtragen, zerbröseln, weil sie nutzlos werden. Nicht wie wir wirken, sondern wer wir sind, gerät in den Mittelpunkt. Das Ego lockert seinen festen Griff über uns, der dauernd nörgelnde Zweifler wird leiser. Andere Sinne werden wach. „Himmel, Wolken, Regen, Licht und Schatten werden miterlebt“, sagt der Ethnopsychologe Holger Kalweit, „so, als ob man selbst diese Wolkenbewegung ist, selbst dieser Vogelflug sein.“ Es folgt eine Auflösung der Zeitempfindung und das Phänomen einer wachsenden Schönheit, seien es die Farben des Waldes oder die eigene Biographie. „Sie können in der Wildnis etwas erleben, was jeder Mensch erlebt, wenn er lange in einer langen Badewanne gelegen hat“, sagt Rolf Haubl vom Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt: „Die Körpergrenze löst sich auf und die Grenze zwischen mir und der Umwelt wird unscharf. Das kann Angst machen aber auch die tiefe Sehnsucht erfüllen, mit einem übergeordneten transzendenten Ganzen eins zu werden, nicht mehr isoliert, sondern Teil der Wildnis zu sein.“ Die Wildnis zu erfahren ist etwas Physisches, was der Sprache vorausgeht. Ein dauerndes Deja vu uralter Wahrnehmung, Tiefenzeit. Es sind Empfindungen, die sich den Worten entziehen und eher mit musikalischen Metaphern zu begreifen sind: Unhörbare Orchester, in denen alles richtig klingt. Töne, die mit den Saiten unserer Psyche resonieren. Da gibt es Chöre, die in dunklen Nächten entlang nebliger Flüsse zu hängen scheinen, durch die Wildnis gelegte Melodielinien. Momente, in denen der eigene Herzschlag sich nicht mehr von einem Hintergrundimpuls unterscheidet, der wie ein leises Trommeln zu uns dringt. Und manchmal schlicht der Klang gewordenen Windwirbel, der mit den Nadelzweigen spielt. Wer das erlebt, schweigt, lächelt vielleicht – und fast jeder berichtet irgendwann von dem subjektiven Gefühl, das da eine Intelligenz zu uns spricht, Weisheit wach wird in einem wortlosen Flüstern zwischen Mensch und Mitwelt.

Wilde Weisheit? Wer die Nabelschnur zur ‚Zuvielisation’ einmal durchschneidet, begegnet fraglos einem größeren Wissen, was sich jenseits aller ‚Pisa-Tests’ bewegt. Schöpfungswissen, das alles andere ist als tot, geistlos und profan, sondern ein summendes, rauschendes, bewegtes Netz des Lebens bildet. Leben, das den menschlichen Gast manchmal ebenso erstaunt betrachtet, wie wir verwundert versuchen, diese harmonisch abgestimmte, rhythmisch pulsierende und sich konstant verändernde Fülle zu erfassen. Da muss kein transzendentes Wesen herumschweben. Trotzdem wird so etwas spürbar, wie ein ‚Geist der Wildnis’, der sich wie von selbst zusammensetzt aus all den Myriaden Verknüpfungen und Interdependenzen. Dann bildet wildes Land für den, der wieder lernt zu schauen, zu lauschen und zu spüren, so etwas wie die Matrix der Schöpfung, ein Grundmuster, aus dem sich Leben gewoben hat. Eine Quelle allen Lebens, die den Menschen zeigt, wie das große Ganze tickt, wächst und sich entwickelt. Ein riechbares, schmeckendes, spürbares Modell ‚natürlicher Evolution’ von der sich die kulturelle Evolution industrieller Wachstumsgesellschaften so gefährlich weit entfernt hat. Und vielleicht ein Wegweiser, wie sich zur ‚Bewahrung der Schöpfung’ die auseinanderstrebenden Pfeile der Entwicklung von Natur und Kultur wieder zubringen ließen.

Wildnis war lange Zeit das, wo Kultur nicht war. Wildnis war das ganz andere, bedrohliche, archaische, instinkthafte. Die Wildnis war außerhalb der Siedlungen und Städte, dort wo die ‚wilden Menschen’ wohnten, die Archetypen des ‚Grünen Mannes’, der ‚Wildfräulein’ und ‚Wolfsfrauen’. Es brauchte bis ins späte Mittelalter, als die Zisterzienser und Franziskaner auszogen, Klöster in die Wildnis und Kirchen in das Dorf setzten, und mit dem Slogan ‚ora et labora’ die Wälder rodeten, das Land ‚urbar’ und seine Bewohner christlicher Sitte und Moral unterwarfen. Erst die Zivilisation erfand den Begriff ‚Wildnis’ als Abgrenzung zu dem, was noch nicht der Kontrolle unterworfen war. Und kulturgeschichtlich setzte sich ein Denken durch, dass die Wildnis als ‚unfertige Schöpfung’ charakterisierte, in der es dem Menschen oblag, Gottes liegen gelassene Arbeit zu vollenden.

Heute, wo wir die katastrophalen Folgen dieses ‚Gotteskomplexes’ immer mehr zu spüren bekommen, verändert sich der Blick auf die Wildnis. Sie wird zum Ziel von Reisen in die ‚letzten Paradiese’, zum ‚Kulturgut’, in Parks geschützt. Dort sprechen Biologen nicht mehr vom ‚Naturschutz’, sondern vom ‚Prozess-Schutz’, weil nur in der verbliebenen Wildnis abzulesen ist, wie Evolution eigentlich jenseits unserer Projektionen funktioniert. Waldkindergärten führen die Kleinsten mittlerweile schon in der hintersten Provinz an die Weisheit von Mutter Natur, Wildnisschulen vermitteln Sinnsuchern und gestressten Managern die natürliche Kunst der Kooperation. Die Erlebnispädagogik preist den Wert der Wildnis für schulisches Lernen, soziale und initiatorische Therapien nutzen die Wildnis für Persönlichkeitsentwicklung. Dahinter steht eine grundsätzlich neue kulturelle, philosophische, psychologische und soziale Bewertung des „Wilden“, der „unberührten Natur“, der „ökologischen Selbstorganisation“. Statt den Menschen als einzigen Erschaffer und Bewahrer des „Guten, Reinen, Schönen“ zu sehen und die Wildnis mit Chaos, Unordnung, Schrecken und Gewalt zu assoziieren, wird die Wildnis heute eher als ursprünglich, harmonisch, nachhaltig, selbstorganisierend, gerecht empfunden.

Kein Dach über dem Kopf, nur eine Matte und ein Schlafsack als zu Hause, und darüber die Milchstraße als Millionen-Sterne-Hotel, bedeutet all den Schutz hinter sich zu lassen, aus der die Angst vor dem Unbekannten die Zivilisation gebaut hat. Aber es gibt einen Lohn, wenn wir die Furcht vor der Wildnis überwinden. Denn auch hier wird Weisheit wach, wenn die Schutzmauern geöffnet werden und der Mensch sich von der Wildnis mit allen Sinnen berühren lässt. Sinnlichkeit heißt berühren, sehen, riechen, schmecken, heißt angezogen sein, in Beziehung treten und spüren. Sinnlichkeit ist der Begriff dafür, sich mit der Welt zu verbinden, sie uns einzuverleiben, mit ihr zu verschmelzen. Je offener die Sinne, desto mehr sind wir mit der Welt verbunden. Und je tiefer dieses Zusammenspiel geht, desto deutlicher wird aus ‚Umwelt’ plötzlich ‚Mitwelt’. Dann wird so manchem Wildnis-Pilger erstaunt deutlich, dass Wildnis nicht nur ‚da draußen’, sondern auch im eigenen Körper steckt: Dass der Mensch nicht zum Menschen wurde, um Computermäuse und Handy-Tastaturen zu bedienen, sondern um als perfekt angepasstes Wildnis-Wesen überleben zu können. Dann werden wir der Tatsache gewahr, dass in uns wilde Ströme aus Blut und Flüssigkeiten fließen, unzivilisierte Atemwinde wehen, Verdauung wie Geysire brodelt, das Unbewusste im Traum wie der ‚Geist der Wildnis’ wirkt. Dann werden Instinkte, Intuition, Sexualität, Körperwissen zur inneren ‚wilden Weisheit’, die in uns steckt und wir eröffnen können, wenn sich bei einem Gang in die Wildnis die verschütteten Zugänge sich wieder öffnen. Denn was sind wir, jenseits der zivilisatorischen Konventionen, anders als Menschnatur und Körperwildnis.

Es ist das symbolische Zusammenspiel zwischen Innen und Außen, dass bei einem Aufenthalt in der Wildnis die vielen Ebenen der Weisheit weckt. Kein trockenes Wissen, an das wir glauben müssen, sondern als Erfahrung, die so tief wirkt, weil sie mit dem ganzen Körper, dem Geist und der Seele Innen und Außen erlebt wurde. Nach und Nach erkennt auch die Biologie, die Wahrnehmungsforschung und Psychologie, dass wir die Wildnis brauchen, um ganz Mensch zu sein können. Dass sich im Spiegel der Natur die Landschaft der Seele formen und entwickeln kann. Dass die wilde Vielfalt der Natur dem komplexen Wesen Mensch viel mehr entspricht als einfältige Monokulturen. Draußen spricht jedes Schlammloch vom Sumpf der Gefühle, jedes Baumpaar von der Sehnsucht nach Liebe, jedes Todholz von ‚Stirb und Werde’, jedes Gewitter von Kontrollverlust, jeder Schmetterling von Transformation, jeder Sonnenaufgang von Hoffnung. Auch in dieser Ganzwerdung liegt Weisheit – und eine Rückverbindung, die manche vom Wort ‚religio’ herleiten. „Mir scheint die Sehnsucht nach Wildnis in der Tat eine religiöse Sehnsucht zu sein“ sagt deshalb der Religionswissenschaftler Michael v. Brück.

Ein Pilgergang, ein Retreat, eine Auszeit in der Wildnis kann Weltbilder ins Rutschen bringen, weil die Selbstorganisation dort draußen viel weiser scheint, als alle wackeligen kulturellen Konstruktionen. In ihr lässt sich erkennen, wo wir herkommen, welche Rolle im Netz des Lebens wir spielen, wo wir stehen auf der Reise durch das Leben. Die Wildnis öffnet tiefste Fragen und fordert Arbeit an den Antworten. Sie vergewissert den Menschen seiner Selbst, zwingt zur Rückkehr auf das Wesentliche, fordert Präsenz und Achtsamkeit gegenüber dem Geheimnis des Lebens. Sie bricht ein für allemal mit der zivilisatorischen Lüge, dass wir getrennt wären von der Natur und beendet jeden Anthropozentrismus, der allein den Menschen an die Spitze der Schöpfung stellt. Weisheiten, die vielleicht nicht jedem gefallen, weil sie – einmal erkannt – uns nicht weiterleben lassen wie bisher. Es ist eine emanzipatorische Weisheit für den überkulturierten Menschen, die da aufbricht. Frei von Ideologien und vielleicht nur in der Sprache einer Poesie zu fassen, die der Literat D.H. Lawrence gefunden hat:

Wenn wir wieder in die Wälder gehen, werden wir zittern vor Kälte und Furcht. Doch wir werden Dinge erleben, so dass wir uns selbst nicht mehr kennen; kühles, wahres Leben wird sich auf uns stürzen, und Leidenschaft wird unseren Körper mit Kraft erfüllen. Mit neuer Kraft werden wir aufstampfen und alles Alte wird abfallen. Wir werden lachen, und Gesetze werden sich kräuseln wie verbranntes Papier.“

Die Erfahrung des Heiligen in der Natur

Die Erfahrung des Heiligen in der Natur

Ihr wesentliches Kennzeichen ist das Erleben einer durch und durch beseelten Welt. Diese Wahrnehmung zieht sich durch die ganze frühe Religionsgeschichte: Schon die religiöse Bilderwelt der jungsteinzeitlichen Kulturen Alteuropas war eng verbunden mit der Pflanzen- und Tierwelt.

Unsere Vorfahren …

Die Muttergöttinnen sind in den Höhlenmalereien von Vögeln, Schlangen, Fischen, Bären, Schmetterlingen begleitet und neben Bäumen und Blumen dargestellt. Man stellte sie sich als mächtige spirituelle Wesen vor, die mit den Urkräften der Natur, der Erde, dem Himmel, der Wasser, den Bergen, der Sonne, dem Mond, den Winden und Donner in Verbindung standen und über Leben und Tod herrschten. Es gab jahreszeitliche Feste und Zeremonien und zahllose heilige Stätten wie Bäume, Brunnen, Haine, Felsen, Steine, Berge und Flüsse.

Als Ausdruck ihrer Sehnsucht zur Natur und um sich immer wieder mit ihr zu verbinden, schufen sich die Menschen Götter und Göttinnen der Wildnis, welche die Anteile des ‘Wilden’ personifizierten. Artemis war eine der sechs weiblichen Göttinnen im griechischen Pantheon. Selbst unter dem Patriarchen Zeus galt sie als unabhängige, durch die Wildnis streifende Jungfrau und Schutzgöttin der Tiere, der sich kein Mann ungestraft nähren dürfte. Sie war diejenige, „die Visionen hervorrief und besonders vom einfachen Volk verehrt wurde“ 1. Diana war die römische Göttin der wilden Tiere. Sie wurde nördlich der Alpen mit den keltischen Naturgöttinnen identifiziert, dann veränderter Form in der heutigen Pfalz verehrt und noch später mit der Heiligen Jungfrau verglichen 2. Dort gab es früher Cernunnos, den keltische Gott mit dem Hirschgeweih. Er war die Manifestation des männlichen göttlichen Prinzips im Sinne zeugender Fruchtbarkeit3. In Griechenland verehrte man neben dem schon erwähnten Pan, Dyonisos, den Gott der Ekstase und des wilden Weins als männlichen Aspekt des Wilden. Daneben gab es eine Menge anderer göttlicher und übernatürlicher Wesen, die die Natur bewohnten: Riese, Zwerge, Elfen, Trolle, Nyphen, Naturgeister, Kobolde, Luftgeister und Feen, die in Wäldern, Flüssen, Feldern, Quellen und Wolken lebten und diese beschützen – allesamt personalisierte Formen unterschiedlicher Energien, die eine empfindsame Psyche in der Wildnis wahrnehmen konnte. Spiritulität war nicht von der Natur getrennt: Das Natürliche war das Spirituelle.

Die alten Gött*Innen schlafen nur

Diese Weltanschauung war animistisch, pantheistisch und polytheistisch: Im Animismus sind alle Lebensformen beseelt, im Pantheismus ist alles heilig und von Göttlichkeit durchdrungen, im Polytheismus gibt es nicht einen Gott, sondern viele Gottheiten. Zwar wurde – wie oben beschrieben – im Laufe der Kulturgeschichte den natürlichen Lebensenergien die Göttlichkeit abgesprochen. Doch die unsterblichen Götter starben nicht, sie sind noch da.

„Wir könnten sagen, sie fielen in einen Schlaf oder entfernten sich aus der menschlichen Sphäre, als die Menschen aufhörten, mit ihnen zu sprechen oder zu ihnen zu beten. In den Begriffen der Jungianer würden wir sagen, dass die Archetypen, die das Empfinden unserer Vorfahren, lebendig mit der ganzen Natur verbunden zu sein, unterstützten, in die dunkle, unbewusste Unterwelt der kollektiven Psyche abtauchten.“ 4

 

Dort ruhen sie bis heute und sind jedem verfügbar, der sich – ob durch Meditationen, schamanische Reisen oder Visionssuchen – tief genug herablässt. Manchmal zeigen sie sich an ganz überraschenden Stellen, wo man nicht mit ihnen rechnen würden: In den gotischen Kathedralen, die oft auf alten Naturheiligtümern erbaut worden waren, begegnet man neben Kobolden, Drachen, Dämonen und Tieren immer wieder auch der geheimnisvollen Gestalt des Grünen Mannes und seinem blätterumrahmten Gesicht, dass versteckt aus Fensterstürzen schaut oder als Schlussstein am Deckengewölbe das Kirchenschiff zu halten scheint. In ihm spiegeln sich die Überreste des Pflanzengottes alter Zeiten: Er ist ein Mischwesen aus Mensch und Natur, er erinnert, woher wir kommen und wozu wir gehören. Er heiligt die Natur, denn seine Worte sind wie Blätter, die aus seinem Mund quellen.

Die symbolische Übernahme des heiligen grünen Pflanzengeistes taucht wiederum bei den visionären Schriften der rheinländischen Äbtissin Hildegard v. Bingen auf. Ihre Metapher der ‘Viriditas’, der ‘Grünkraft’ ist der Begriff für die schöpferische Kraft Gottes in der Natur: Jesus nennt sie ‘inkarniertes Grün’ Maria ist für sie die ‘Viridissima Virga’, das jungfräuliche Grün 5. Franz v. Assisis Liebe zu Bruder Sonne und Schwester Mond, seine Freundschaft mit Wölfen und Vögeln, die ihn bis heute zu einem Heiligen der Ökologiebewegung macht, verweist ebenso auf animistische und pantheistische Zweige im Christentum.

Naturmystik gab es immer schon

Aus diesem Überblick wird deutlich, dass die Verbindung von mystischer Einheitserfahrung, Spiritualität und Natur, eine tief verwurzelte und sehr menschliche Form der Wahrnehmung ist. Sie stellt sich bei dem Menschen ein, der sich offen dieser Erfahrung aussetzt „Ein Mensch, der ohne Hilfsmittel alleine in der Natur steht“, sagt der Ethnopsychologe Holger Kahlweit, „entwickelt früher oder später ein schamanisches Bewusstsein.“ 6

Die Sehnsucht nach Spiritualität in der modernen Gesellschaft ist ungebrochen. Der Gang in die Wildnis bietet da einen authentischen und individuellen Zugang zu einer ganz persönlichen Spiritualität, die jeder anders erlebt, versteht und in sein Leben einbringt. Was bleibt übrig, wenn ich mich fern aller Gurus nur mir selber stelle? Welche Spiritualität entsteht aus der Begegnung mit mir selbst? Wie ist mein ganz persönlicher Zugang zum Religiösen? Wie finde ich Gott oder Göttin jenseits der Konfessionen? Viele Menschen, die sich von den institutionalisierten Religion der Kirchen abgewandt haben, fühlen sich während ihrer Zeit in der Wildnis dem Heiligen näher als sonst irgendwann in ihrem Leben.

Trance und Traumzeit

Der Ökopsychologe Robert Greenway greift genau auf diese Traditionen zurück, wenn er die Wirkung der Wildnis auf den Menschen als ‘religiöse Erfahrung’ bezeichnet und als „eine Öffnung des Bewusstseins für eine Form der Information“ beschreibt, „die zwischen allen Lebensformen vibriert“ 8. Für ein Bewusstsein, dass durch Nahrungssentzug, wenig Schlaf und Einsamkeit hochempfindlich geworden ist, kann diese ‘vibrierende Information’ in der Visionssuche oder anderen Wildniserfahrungen sehr bildhafte Formen annehmen.

Die Teilnehmer können Halluzinationen erleben, Trancezustände, lebhafte Wachträume, außerkörperliche Erfahrungen, tiefe meditative Zustände, intensive Rückblenden in die Vergangenheit, aber auch Erfahrungen von Hellsichtigkeit, Hellhörigkeit, Telepathie, mediale Erlebnisse und mystische Visionen haben 9. Auch wenn solche Erfahrungen nicht das eigentliche Ziel der Visionssuche oder eines Aufenthaltes in der Wildnis sind, können sie sich wie ein Geschenk ergeben und für den Betroffenen Schlüsselerlebnisse in der persönlichen Entwicklung sein.

Weil Erfahrungen außergewöhnlicher Bewusstseinszustände in der modernen Kultur nicht anerkannt und pathologisiert werden, kann eine solche Erfahrung Angst machen: Angst vor dem Verrücktwerden, Angst vor Kontrollverlust, Angst, die Intensität des Erlebten nicht verarbeiten zu können.

„Ich höre den Fluss. Und plötzlich wird für einen Moment alles ganz groß. Der Fluss und sein Geräusch hatten Bedeutung, waren wirklich das brüllende Rauschen der Schöpfung. Alles lebte, alles war voll mit Geist. Das fühlte sich an wie eine Riesenwelle, die heran rollt und mich nur streift, wie ein Kratzen an der Erleuchtung, wie eine Ahnung von der Größe des Raums, vor dem ich mich verschließe. Es schien zu bedrohlich und in bedrohlicher Schönheit. Ich hatte Angst und war in Staunen. Es war das Gefühl, dass mir diese große Ganzheit meine Identität raubt, dass ich zwar verschmelze aber gleichzeitig weggerissen werde, dass ich zwar ganz werde, aber nicht mehr weiß, wer ich bin. Dass es einfach zu groß ist und ich es noch nicht tragen kann. Und dass ich Angst habe, mich diesem heiligen Raum zu überlassen und meine Rationalität verliere.“ (Paul, 41)

Außergewöhnliche Bewusstseins-Zustände

In aller Regel öffnen sich diese Räume nur in dem Maß, wie sie der Betroffene auch annehmen kann. Es ist wichtig, anzuerkennen, dass es sich dabei nicht um krankhafte Zustände handelt, sondern um intensive Grenzerfahrungen. Denn jeder Mensch hat das Potential in sich, in umfassendere Bewusstseinsräume einzutreten. Je intensiver unser Bewusstsein wird, desto eher können ‘paranormale’ Erfahrungen auftreten, die der Betroffene dann aber meist als ganz ‘normal’ wahrnimmt. Und doch können sie unser Weltbild auf den Kopf stellen. So ist es kein Zufall, dass Menschen, die in der Wildnis waren, von dem Eindruck berichten, draußen „von Bewusstsein umgeben zu sein“. Wir wissen noch wenig über die Natur des Bewusstseins. Mystische Erfahrungen können den Eindruck vermitteln, dass es sich beim Bewusstsein nicht um etwas handelt, was nur von unseren Gehirnzellen produziert wird, sondern was wie ein Feld die ganze Natur durchzieht und dass sich in solchen Momenten innen und außen verbinden. Andere Teilnehmer berichten von dem Eindruck, dass ihr Bewusstsein nicht mehr auf das ‘Haut-umschlossene-Ich’ beschränkt war, sondern schlicht größere Räume umfasste.

Weil außergewöhnliche Bewusstseinszustände nicht zu leugnen sind, hat sich auch die moderne Forschung diesem Phänomen zugewandt. „Wenn das Gehirn mit seinem Zusammenspiel von 100 Milliarden Neuronen wirklich die Bedeutung hat, die ihm in der Neurowissenschaft zugewiesen wird, dann kann es mindestens 10 hoch 2 hoch 11 mögliche (Bewusstseins-)Zustände annehmen“, sagt der Philosph Franz-Theo Gottwald. Die Messung von Gehirnwellen hat ergeben, dass intuitive und visionäre Erfahrungen auftreten können wenn das Gehirn im Zustand tiefer Entspannung bei den vier bis acht Hertz der ‘Theta-Wellen’ schwingt, während die ‘Beta-Wellen’ des normalen Wachbewusstseins 13 bis 30 Hertz haben 10. Solche Zustände können auftauchen, wenn das analytische Denken aussetzt und durch eine hohe Präsenz für die Gegenwart ersetzt wird 11.

„Wenn man zu denken aufhört (kommt) man nach einer gewissen Zeit unterhalb oder jenseits des Denkens zu einer Bewusstseinsregion, die sich in Beschaffenheit und Charakter vom gewöhnlichen Denken unterscheidet, einem Bewusstsein von quasi-universaler Qualität. Dadurch erwacht ein umfassenderes Selbst als jenes, an das wir uns gewöhnt haben. Man muss im gewöhnlichen Sinne sterben, doch in einem anderen Sinne gilt es, aufzuwachen und zu entdecken, dass das Selbst, unser wirkliches, intimstes Wesen, das Universum und alle Wesen erfüllt – das die Berge, das Meer und die Sterne Teil unseres Körpers sind und unsere Seele in Verbindung mit den Seelen aller Kreaturen steht. Und es ist gewiss: kommt ein Mensch nur einmal damit in Berührung, wird, wie Abertausende von Fällen zeigen, sein folgendes Leben und seine Weltschau vollkommen revolutioniert.“ 12

 

Der / die Wildnis-Suchende pendelt zwischen verschiedenen Zuständen hin- und her. Immer wieder ist er in einem gedankenlosen Zustand reinen ‘Seins’, dann wieder reflektiert und analysiert er. Er wandelt zwischen den Welten der Rationalität und dem alles beseelenden Animismus.

„Der Animismus endet in dem Augenblick, wo ich anfange zu denken, weil in dem Moment wo ich denke, trenne ich mich davon ab. Wenn ich verbunden bin mit dem Ganzen, kann ich nicht denken. Denken ist sozusagen eine abstrakte Form des Handelns – ein mich gegenüberstellen von etwas. Wenn ich in der Einbettung bin, bin ich passiv. Aber diese Erfahrung ist nicht in dem Sinn intellektuell erfassbar, sprachlich ausdrückbar. Nur hinterher in der Erinnerung kann man versuchen, es metaphorisch einzufangen.“ 13

 

Diese Aussage des Quantenphysikers Hans-Peter Dürr macht deutlich, wie schwer das Phänomen außergewöhnlicher Bewusstseinszustände wissenschaftlich zu greifen ist. Dabei sind leichte Trancezustände jedem bekannt: wenn man Musik davon getragen wird, wenn man verliebt tagträumt, wenn ein Buch einen regelrecht einsaugt, wenn man reglos aus dem Zugfenster schaut, wenn man kurz vor dem Einschlafen surreale Bilder wahrnimmt. In einer Wildniserfahrung werden diese Erfahrungen lediglich intensiviert:

„Die Sonne strahlt den Mond an, der Mond strahlt die Bäume an, die Bäume strahlen mich an. Dann blieb ich so stehen, das der Mond, der durch den Wald hinter mir schien, mir ins Gesicht leuchtete, immer unterbrochen von leicht sich wiegenden Ästen. Es vertiefte die Trance, von der ich nichts wusste noch mehr, weil ich leicht hin- und herschaukelte. Licht, Schatten, Licht, Schatten, Licht. Der Mond war ein Ei, das mich ausleuchtete. Ich machte den Mund auf, um Licht zu schlucken, musste lachen. Dann hatte ich das Gefühl, wenn ich das weitermache, hebe ich ab, verliere Erdung. Also habe ich mich umgedreht, dem freien Himmel zu. Wieder eine Sternschnuppe, die zehnte.“ (Alina, 34)

Die Trance als Schlüssel

Für Dieter Vaitl, den Leiter des Instituts für Psychobiologie und Verhaltensmedizin an der Universität Gießen, ist die Trance ein Schlüssel zum Verständnis veränderter Bewusstseinszustände. Er fand heraus, daß sich in der Trance der Gehalt an Stresshormonen wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol im Blut verringert, der Blutdruck absackt und der Puls sich erhöht. Die Medizin spricht von einem ‘paradoxen Erregungszustand’ weil der Körper diese Prozesse sonst nur in lebensbedrohenden Krisen wie hohem Blutverlust entwickelt. Auch die Wissenschaft erkennt heute an, daß Hallizunogene ebenso wie Fasten, Abgeschiedenheit, Schlafentzug, monotone Reize oder die konzentrierte Aufmerksamkeit alle zu ähnlichen Ergebnissen führen. Die Zusammenfassung der Forschungsergebnisse durch die Wissenschafts-Journalistin Hania Luczak liest sich wie eine Beschreibung all der subjektiven Eindrücke, von denen Teilnehmer an Visionssuchen berichten:

„Bei Trancezuständen kommt es zu einer Veränderung des Denkens mit subjektiven Konzentrationsstörungen oder dem Gefühl, klarer und schneller zu denken als sonst. Tiefe Entspannung, ein ‘sich-gehen-lassen’, ist oft zu beobachten. Widersprüche bestehen konfliktfrei nebeneinander. Es herrscht eine Art ‘Zeitlosigkeit’, das Körperschema verändert sich, Empfindungen zu fliegen oder zu zerfließen werden beschrieben. Ein Gefühl des Verlustes der Selbstkontrolle tritt auf. Die Stimmungen schwanken stark und sind durch intensive Emotionalität gekennzeichnet. Es kommt zu einer Auflösung der ‘Subjekt-Objekt-Grenze’ und somit zu einem Einswerden des Ichs mit der Umwelt. Am Extrempol der Trance erfolgt eine Veränderung der Wahrnehmung. Die optischen Erscheinungen reichen von einem lebhaften Spiel der Farben und Formen bis hin zu szenischen Abläufen, sogenannten ‘komplexen Halluzinationen’ und ‘Visionen’. Gefühle von Erneuerung und Wiedergeburt sind nicht selten“ 14

 

Die Entdeckung biochemischer Vorgänge und die Bestätigung der Trance durch die Wissenschaft als eine normale Form menschlichen Erlebens nimmt diesen Erfahrung nichts von ihrer Intensität und psychologischen Wirkung. Doch sie kann die Unsicherheit des modernen Menschen dämpfen, der von derartigen Zuständen sonst ahnungslos überwältigt werden kann.

(aus dem Buch von Geseko v. Lüpke und Sylvia Koch-Weser: Vision Quest: Visionssuche: Allein in der Wildnis auf dem Weg zu sich selbst, Oya-Verlag)

1 Duerr, Hans-Peter: Raumzeit, a.a.O., 36 ff

2 ebd., S. 77

3 Meier-Seethaler, a.a.O., S. 45

4 Metzner, Ralph: Brunnen der Erinnerung, a.a.O., S. 62

5 Metzner, Ralph, in: Rätsch, Christian: Naturvereherung und Heilkunst, a.a.O., S. 60

6 Kahlweit, Holger, in: Gottwald, F.-T. u. C. Rätsch: Schamanische Wissenschaften. Diederichs, München 1999, S. 97

7 Anonymus, zit. nach: Irmtraud Schäfer, a.a.O., S. 234

8 Robert Greenway im Gespräch mit den Autoren

9 Foster, Steven u. Meredith Little: Vision Quest. Sinnsuche und Selbstheilung in der Wildnis, a.a.O., S. 87

10 Gottwald, Franz-Theo u. Christian Rätsch: Schamanische Wissenschaften, a.a.O., S.19

11 Der australische Schriftsteller und Psychologe James Cowan bezeichnete im Gespräch mit den Autoren den Bewußtseinszustand während der Visionssuche als einen ‘nicht-psychologischen’ Zustand und spricht von einem ‘totemistischen Denken’, daß aus einer tiefen Verbindung mit der Natur entsteht

12 Carpenter, Edward: The Drama of Life and Death, zit. nach: Kahlweit, Holger: Traumzei und innerer Raum, a.a.O., S. 239

13 Der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr im Gespräch mit den Autoren

14 Luczak, Hania: Schamanismus. Nicht von allen Geistern verlassen, in: Geo, Gruner und Jahr, Hamburg, S.