Was ist Tiefenökologie?

(weitgehende Textübernahme von WIKIPEDIA)  

Tiefenökologie (englisch: deep ecology) ist eine ganzheitliche Umwelt- und Naturphilosophie, welche die naturwissenschaftliche Ökologie mit ethisch-spirituellen Wertefragen verbindet und das politische Engagement für einen nachhaltigen, basisdemokratischen, emanzipatorischen Kulturwandel auf ein breiteres Fundament stellen will. Tiefenökologie betont die enge Verflechtung und gegenseitige Abhängigkeit zwischen Natur- und Menschenwelt und plädiert dafür, den dualistischen Begriff der ‚Umwelt‘ durch den Begriff der ‚Mitwelt‘ zu ersetzen. Sie strebt ein Leben im Einklang mit der Natur an, will über den Anthropozentrismus hinaus gehen und gibt dem Planeten und allen Lebensformen einen intrinsischen Wert, der über die reine Nutzung durch den Menschen hinausgeht. Leitgedanke tiefenökologischer Aktion ist die Vereinigung von analytischem Denken, authentischem Fühlen und ökologischer Spiritualität, die zusammen zu einem neuen politischen Handeln führen sollen.

Ursprung

Der norwegische Philosoph Arne Naess (1912–2009) führte 1972 den Ausdruck deep ecology in dem Essay „Shallow and the Deep“ im Journal Inquiry in die philosophische Literatur ein. Die Idee hatte er bereits kurz zuvor auf dem „Third World Future Research Conference“ in Bukarest vorgestellt. Die Einführung der begrifflichen Unterscheidung “deep/shallow ecology movement“ 1972 durch Arne Naess war die ‚Geburtsstunde’ der tiefenökologischen Bewegung. Naess wollte mit dieser Unterscheidung auf die Verschiedenartigkeit der Motive und Ziele in der ökologischen Bewegung hinweisen. Die ‚Shallow-Ecology-Movement’ (seichte/oberflächliche Ökologie bzw. ökologische Reformbewegung) richtet sich vor allem auf den Erhalt der Gesundheit des Menschen (insbesondere in den entwickelten Ländern) sowie auf den Kampf gegen die Verschmutzung und Zerstörung der Biosphäre sowie gegen den Raubbau der Ressourcen. Im Vordergrund stehen effiziente Rohstoffnutzung und die Reduktion von Schadstoffen mit technologischen Lösungen.

Die ‚Deep-Ecology-Movement’ oder auch tiefenökologische Bewegung ist kein Gegensatz zur ökologischen Reformbewegung, sondern unterstützt diese. In ihrer Suche nach einer neuen Umweltethik, Erkenntnistheorie, Kosmologie und Metaphysik reicht sie weit über die seichte Ökologie hinaus. Sie strebt gleichermaßen einen Wertewandel wie auch einen Wandel der sozialen Organisation/Strukturen an (vgl. DEVALL in BIRNBACHER 1997: S. 17 ff.)

Die Tiefenökologie vertritt eine holistische[1] Position, da sie die Natur als Lebensnetz in ihrer Gesamtheit betrachtet und ihr einen moralischen Eigenwert beimisst . Aus letzterem folgt, dass die Selbstverwirklichung des Menschen in Einklang mit der Selbstverwirklichung des Ganzen stehen sollte. Aus dem naturwissenschaftlichen Raum zeigt sich die Tiefenökologie inspiriert von der Allgemeinen Systemtheorie und der Gaia-Hypothese, wonach die Erde ein lebendiger, sich selbst regulierender, Organismus ist.

Neuere naturwissenschaftliche biologische und kognitionswissenschaftliche Ansätze mit Bezug zur Tiefenökologie finden sich bei dem deutschen Biologen und Philosophen Andreas Weber und seiner Poetischen Ökologie. Kulturhistorisch hat die Tiefenökologie starke Bezüge zu indigenen Weltanschauungen, griechischen Philosophen wie Heraklit, der christlichen Mystik, der deutschen Romantik, Philosophen wie Martin Heidegger. Theologisch hat sie enge Bezüge zur interreligiösen Umweltethik, zur lateinamerikanischen Befreiungstheologie und dem ethischen Ansatz von Papst Franziskus und seiner ‚Umweltenzyklika ‚laudatio si‘ aus dem Jahre 2015. Namhafte VertreterInnen der Tiefenökologie sind u.a. Joanna Macy, Dolores LaChapelle, John Seed, Bill Plotkin, Jochen Kirchhoff und Geseko von Lüpke.

Ökopsychologische Ansätze

Arne Naess hat den Begriff des ‚Ökologischen Selbst‘ eingeführt, um deutlich zu machen, dass sich menschliche Identität nicht nur auf den physischen Körper beschränken sollte, sondern die ‚Mitwelt‘ einschließt, die diesen Körper am Leben erhält. Erweitert sich die menschliche Identität in dieser Form, sind Menschen nach Sicht derTiefenökologie eher in der Lage, die Natur wie ihren größeren Körper zu sehen und entsprechend motiviert zu schützen. Eine psychologische Variante der Tiefenökologie hat Theodor Roszak in seinem Buch Ökopsychologie – Der entwurzelte Mensch und der Ruf der Erde (1994) entwickelt. Mit der Forderung nach „biosphärischer Gleichheit“ ist der Gedanke einer Empathie für alles Lebendige verbunden. Die Vorstellung, der Mensch stehe im Mittelpunkt seiner jeweiligen Um-Welt wird erweitert um die Perspektive des Menschen als integraler Bestandteil seiner natürlichen, sozialen und geistigen Mit-Welt. Die Ökophilosophin Joanna Macy geht darüber hinaus und empfiehlt eine tiefe ökologische Verbundenheit, welche die ‚Welt als Geliebte und als Selbst‘ ansieht.

Die Ökopsychologie sieht die Seele des Menschen tief in der Natur verwurzelt und setzt sich so über die dualistische Trennung des Innen vom Außen hinweg. Sie möchte zeigen, dass die Bedürfnisse des Individuums und die Bedürfnisse des Planeten eigentlich ein Kontinuum bilden. Jedoch wird die ökologische Weisheit der Psyche, die sich während der Evolution entwickelt hat und sich im Unbewussten (das sog. ‚ökologisch Unbewusste’) manifestiert, in der modernen Gesellschaft verdrängt. Darin sieht die Tiefenökologie die tiefste Wurzel der ökologischen Krise.

Entwicklung im deutschen Sprachraum

Neben den philosophischen (Arne Naess) und wissenschaftstheoretischen Quellen (Systemtheorie, GAIA-Hypothese) wurde für die entstehende tiefenökologische Bewegung im deutschen Sprachraum ab Beginn der 1980-er Jahre bedeutsam: vor allem die öko-psychologische, erfahrungsbasierte und systemkritische Gruppenarbeit „The Work That Reconnects“ (Die Arbeit die wieder verbindet) der amerikanischen Religionswissenschaftlerin, Ökophilosophin, Aktivistin und von buddhistischen Lehren und Praktiken inspirierten Joanna Macy die handlungsorientierten, emanzipatorischen, gewaltfreien Widerstandsformen des australischen Regenwald-Aktivisten John Seed die öko-spirituellen Ansätze des vietnamesischen Buddhisten Thich Nhat Hanh, des brasilianischen Theologen Leonardo Boff und des anglikanischen Schöpfungstheologen Matthew Fox. Seit Mitte der 1990-er Jahre konnten interessierte Personen durch eine Vielzahl von ein und mehrtägigen Workshops bis hin zu intensiven Ausbildungen (sog. HOLON-Trainings) erlebnisorientierte Erfahrungen und Einsichten in die Tiefenökologie gewinnen. 12-tägige ‚Visionssuchen‘ in der Wildnis werden seit 2000 als tiefenökologische Erfahrungsräume für umfassende Verbundenheits-Erfahrungen mit der Natur angeboten. Über aktuelle Seminare informiert das Netzwerk Tiefenökologie und das Netzwerk Visionssuche.

Seit 2010 setzen sich Netzwerktreffen und Konferenzen mit Pionieren und Aktivisten der globalen Zivilgesellschaft vermehrt mit den ökologischen Ansätzen der Tiefenökologie auseinander und beziehen sich auf ihr Grundaussagen als Fundament ihrer emanzipatorischen politischen Aktion. Ab 2018 muss sich im Zuge der erstarkenden nationalistischen und rechts-politischen Bewegung die deutsche Tiefenökologie vermehrt gegen ideologische Vereinnahmung abgrenzen und definiert sich politisch als integralen Bestandteil grüner, kapitalismus- und globalisierungskritischer, antirassistischer, antikolonialer, sozialrevolutionärer, emanzipatorischer politischer Bewegungen. Dies auf der Basis der Allgemeinen Menschenrechte, die um Naturrechte ergänzt werden. Sie versteht sich als Impulsgeber für einen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Kulturwandel einer egalitären, gerechten, freiheitlichen und kulturell vielfältigen Post-Wachstumsgesellschaft für das 21. Jahrhundert. Ab 2019 identifizieren sich Teile der Jugendbewegungen ‚Fridays for Future‘ und ‚Extinction Rebellion‘ mit Aspekten der Tiefenökologie, wenn sie mit Greta Thunberg von der ‚Verteidigung der lebenden Erde‘ sprechen, einen grundlegenden Wandel im Weltbild fordern oder Parolen nutzen wie ‚Wir sind Natur, die sich selbst verteidigt‘. Auch für die aktive therapeutische Auseinandersetzung mit Zukunftsängsten angesichts der Klimakrise werden die Erfahrungen der Tiefenökologie von den Jugendbewegungen nachgefragt.

Literatur

Gottwald, Franz-Theo / Klepsch, Andrea (Hrsg.): Tiefenökologie – Wie wir in Zukunft leben wollen, München 1995

Heinrichs, Johannes: Öko – Logik. Geistige Wege aus der Klima- und Umweltkatastrophe, München 2007

Loibl, Elisabeth: Tiefenökologie – Eine liebevolle Sicht auf die Erde, München 2014

Macy, Joanna: Geliebte Erde, gereiftes Selbst – Mut zu Wandel und Erneuerung, Paderborn 2009

Macy, Joanna / Gahbler, Norbert: Fünf Geschichten,die die Welt verändern – Einladung zu einer neuen Sicht auf die Welt, Paderborn 2013

Macy, Joanna / Johnstone, Chris: Hoffnung durch Handeln – Dem Chaos standhalten ohne verrückt zu werden, Paderborn 2014

Macy, Joanna / Brown, Molly: Für das Leben! Ohne Warum – Ermutigung zu einer spirituell-ökologischen Revolution, Paderborn 2017

Næss, Arne / Harold Glasser / Alan Drengson / Bill Devall / George Sessions: Deep ecology of wisdom. Explorations in unities of nature and cultures, selected papers, Dordrecht 2005

Plotkin, Bill: Soulcraft, Uhlstädt 2005,

Plotkin, Bill: Natur und Menschenseele, Uhlstädt 2010

von Lüpke, Geseko: Politik des Herzens, Uhlstädt 2003

von Lüpke, Geseko: Die Alternative. Wege und Weltbilder des Alternativen Nobelpreises, München 2005

von Lüpke, Geseko: Altes Wissen für eine neue Zeit, München 2008

Weber, Andreas: Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften,, Berlin 2014

Weber Andreas: Lebendigkeit. Eine erotische Ökologie, München 2016

Weber, Andreas: Indigenialität, Berlin 2018

Weblinks

Netzwerk Tiefenökologie

Holon-Institut

Netzwerk Visionssuche

Arne Naess

Joanna Macy (englisch): work that reconnects (USA) aktive hope (England)


[1] Holon = das Ganze (gr.), vom Philosophen A. KOESTLER geprägter Begriff. Holons sind als funktionierende Systeme integrierte Ganzheiten. Sie umschließen jedoch Subsysteme ebenso, wie sie von einem größerem System umschlossen werden (VON LÜPKE in GOTTWALD 1995, S. 89).